Donnerstag, 2. Mai 2019

Ghosting – oder: wo ist er hin, der Knigge?


Heute wird nicht nur „gegoogelt“, sondern auch „geghostet“! Ersteres steht tatsächlich im Duden; bei Letzterem wird es vermutlich nicht mehr lange dauern. Aber was sich zunächst wie ein dummes Spielchen anhört, bei dem jemand vielleicht gruselig erschreckt werden soll, ist in Wahrheit viel ernster: Ghosting bedeutet nämlich, dass sich jemand ohne weitere Nachricht quasi über Nacht in Luft auflöst. Ghosting ist also nichts anderes, als die Beendigung einer Beziehung ohne dass der andere in irgendeiner Weise darüber in Kenntnis gesetzt wird. Der Ghoster wird, wie es die deutsche Übersetzung so schön sagt, einfach zum Geist. Dabei werden Telefonanrufe geblockt, Nachrichten nicht beantwortet und die Möglichkeit, den Betreffenden persönlich zur Rede zu stellen, auf Teufel komm raus vermieden. 



Dabei ist Ghosting scheinbar zu einem Trend geworden und betrifft nicht nur Liebschaften oder Partnerschaften, sondern auch Freundschaften. Verlassene Menschen trifft das Ghosting ohne Vorwarnung. Das Gemeine dabei ist, dass sie sich nicht sicher sein können und vielleicht zunächst von einer vorübergehenden Funkstille ausgehen - sich also noch Hoffnungen machen. Einen fairen Schlussstrich, durch den sie mit der Beziehung abschließen und in die Zukunft blicken können, bekommen sie in der Regel nicht. Die Fragen nach dem „Warum“ sowie das Gefühl der Ungewissheit und der Sorge, etwas falsch gemacht zu haben, nagen am Selbstwertgefühl und hinterlassen Spuren auf der Seele. 

Macht uns das Internet zu Feiglingen?


Die einen bezeichnen das Internet als Fluch und die anderen als Segen. Und beide Seiten haben irgendwie Recht! Während uns das WWW ermöglicht, in Sekundenschnelle auf benötigte Informationen zuzugreifen und uns ungeahnte Unterhaltungsmöglichkeiten bietet, ist bestimmt auch jedem schon einmal aufgefallen, dass sich ein Nutzer bei einem Kommentar oder Posting deutlich im Ton vergriffen hat. Die virtuelle Anonymität bietet scheinbar ausreichend Potenzial, sich gehörig daneben zu benehmen. Da können die Menschen plötzlich wieder große Reden schwingen, weil sie ihrem Gegenüber dabei nicht ins Gesicht blicken müssen. 

Aber auch unseren Alltag sowie das Berufs- und Privatleben hat das Internet kritisch betrachtet beeinflusst: Wir kaufen vermehrt online ein, was die kleinen Geschäfte in den Innenstädten kaputt macht. Und da wir sowieso alles online bestellen, gehen wir auch gar nicht mehr in die Stadt und lernen neue Menschen kennen. Denn mittlerweile nutzen wir Online-Services, um Menschen kennenzulernen und können sogar per Wisch über das Display in Dating-Apps wie Tinder entscheiden, ob uns jemand spontan zusagt oder eben nicht. Selbst Seitensprünge lassen sich bequem vom Handy aus planen, ohne dass der Partner Wind von der Sache bekommt.

Wir nutzen Messenger, Chats, Gruppen, Storys und Foto-Postings, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Dabei stellen wir uns dar, wie wir gerne sein wollen und wahrgenommen werden möchten. Dass zwischen „sein“ und „ist“ ein himmelweiter Unterschied bestehen könnte, interessiert uns erst mal nicht. Es macht den Anschein, dass der Mensch zur Ware wird, den man frei nach Wunsch online bestellen, liefern lassen und bei Nichtgefallen wieder zurückschicken kann. Und in den Bereich des Zurückschickens fällt dann wiederum Ghosting, was weitaus weniger Mühe macht als ein klärendes Gespräch.

Was Psychologen zu Ghosting sagen


Natürlich versuchen Psychologen, dem Phänomen Ghosting auf die Schliche zu kommen. Für Studien wurden Ghoster nach den Gründen für ihr Verhalten gefragt, die teilweise erstaunlich charakterlos erscheinen:

    • Angst vor der Reaktion des Partners auf den Trennungswunsch
    • Probleme in der Konfliktbewältigung und Unfähigkeit, über Probleme zu sprechen
    • Bequemlichkeit
    • Mängel in der Empathiefähigkeit
    • Egoismus
    • Bindungsangst
    • Mangelndes Interesse

Die Ursachen für das Ghosting sind demnach beim Ghoster selbst - und nicht beim Verlassenen ! - zu suchen. 



Konflikte und Trennungen sind unangenehm. Und wenn jemand generell lieber Konfrontationen meidet und sich nicht mit einem schlechten Gewissen belasten möchte, ist Ghosting schlicht ein bequemer Weg. Moderne Beziehungen sind heute viel unverbindlicher als früher, was die Hemmschwelle deutlich sinken lässt. Wir fühlen uns nicht mehr verantwortlich und sind anderen nichts mehr schuldig, was ein Indiz dafür ist, dass wir uns der Wegwerfgesellschaft angepasst haben. 

Treffender beschreiben kann man das Gefühl beim durch Ghosting Verlassenen wahrscheinlich nicht: weggeworfen! Allerdings tritt dieses belastende Gefühl erst dann ein, wenn man die Sorgen um den anderen hinter sich gelassen hat und irgendwann begreift, dass die Beziehung wohl beendet ist. Erst  dann ist Platz für Liebeskummer, Herzschmerz und letztendlich einen großen Haufen Wut und Selbstzweifel.

Psychologen raten den Verlassenen, den Fehler bloß nicht bei sich selbst zu suchen. Sie sollen auch nicht weiterhin versuchen, Kontakt aufzunehmen, sondern sich ohne Rückschau lieber anderen, netteren Menschen widmen. Das hört sich wohl leichter an, als es wahrscheinlich ist. 

Früher war alles besser … oder?


Gutes Benehmen, Anstand, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein gehörten zu den Tugenden, die die ältere Generation im Rahmen der Erziehung an ihre Kinder weitervermittelt hat. Zumindest haben sie es versucht. Denn wo früher „Danke und Bitte“ noch zur Selbstverständlichkeit gehörte, wird heute schon fast über ein derart positives Benehmen gestaunt. Löblich erwähnt werden Jugendliche, die einer älteren Dame im Bus noch unaufgefordert ihren Sitzplatz überlassen. Noch vor 20 Jahren war das normal und bedurfte keiner gesonderten Erwähnung. Dem Knigge sei Dank.

Auch Beziehungen wurden nicht leichtfertig eingegangen. Man hat sich vorsichtig angefreundet, verabredet, verliebt und ist irgendwann – wenn man sich seiner Gefühle sicher war – ganz offiziell ein Paar geworden. Genauso wenig leichtfertig wurden auch Trennungen behandelt. Es wurde diskutiert, gestritten und versucht, die Beziehung zu reparieren statt wegzuwerfen. Und wenn es denn dann doch zur Trennung kam, wussten wenigstens beide Seiten, woran sie sind. Gleiches gilt für Freundschaften, die im Gegensatz zu heute länger anhielten und persönlicher geführt wurden. 


Ist eine Beziehung oder der Mensch selbst heute einfach weniger Wert?


Das Werteverständnis in der Gesellschaft unterliegt dem Wandel der Zeit. Was Oma und Opa noch reparieren wollten, wird heute einfach in der Mülltonne entsorgt. Die Ansprüche an die eigene Lebensqualität steigen im Konsumchaos ins Unermessliche. Neues Auto, Urlaub, Eigenheim – was früher noch als Besonderheit wertgeschätzt wurde, zählt heute zum 0815-Standard ohne den das Selbstmitleid überhand nimmt. Dieses Denken scheint sich automatisch auch auf unsere Art, mit zwischenmenschlichen Beziehungen umzugehen, auszuwirken, die gefühlt oberflächlicher ausfallen als früher. Hierzu gehört auch das feige Ghosting, was dem Verlassenen das Gefühl vermittelt, dass die geführte Beziehung ein klärendes Gespräch nicht wert war. 

Da bleiben wir lieber altmodisch, reden miteinander und behalten den guten alten Knigge im Hinterkopf, der mit den Worten 

„Gehe nie aus einem Gespräch, 
ohne dem anderen die Gelegenheit zu geben, 
mit Dankbarkeit an dieses Gespräch zurückzudenken“ 

scheinbar schon viel eher wusste, was gesellschaftlich so auf uns zukommt. 



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