Dienstag, 12. März 2019

Endlich Gerechtigkeit! Nicht.

Kaum lassen die Rosen, die die Frauen vor ein paar Tagen
anlässlich des Weltfrauentages bekommen haben, in der Vase die Köpfe hängen, rauscht eine Meldung durch Presse, Funk und Fernsehen, bei der mir wirklich die Spucke weggeblieben ist. Bundesfamilienministerin Giffey hat angekündigt, sich für eine Besserstellung von Vätern nach einer Trennung einzusetzen. Besserstellung heißt hier konkret: Die Väter sollen weniger Unterhalt zahlen, wenn sie bestimmte "Kümmerkriterien" erfüllen. Ein Indiz für die stattfindende väterliche Fürsorge wäre das Vorhalten eines Kinderzimmers. "Wir müssen das Recht der Realität anpassen", hat Frau Giffey noch hinzugefügt.

Ich bekomme Schnappatmung, wenn ich das lese. Die Realität, von der die Familienministerin spricht, hat sich in den letzten 20 Jahren hinsichtlich der Lastenverteilung von getrennten Elternpaaren nicht geändert: Fast 90 Prozent der Alleinerziehenden sind weiblich. Etwa die Hälfte der Väter hält es für eine gute Idee, den Unterhalt gar nicht zu zahlen. Die, die zahlen, tun das oft nicht in der Höhe, in der sie es müssten.
Wegen der Kinderbetreuung arbeitet die Mehrzahl der alleinerziehenden Mütter in Teilzeit. Das schmälert nicht nur das Gehalt, sondern später den Renten- oder Pensionsanspruch. Die entgangenen Karrierechancen sind hier noch gar nicht berücksichtigt, weil sie sich nicht konkret verifizieren lassen, sondern abstrakt bleiben. Der Versorgungsausgleich berücksichtigt ebenfalls nicht - und kann es auch gar nicht -, dass die alleinerziehenden Mütter während der Zeit, die sie nicht voll arbeiten konnten, sich beruflich hätten weiterentwickeln können.

Ich habe mich selbst in solch einer Situation befunden. Mein Ex-Gatte hatte für jedes Kind ein Kinderzimmer, alle zwei Wochen waren die Kinder übers Wochenende dort. Aber sobald sie den unmittelbaren Einflussbereichs ihres Vaters verließen, war es mit dessen Engagement auch vorbei. War ein Kind krank, wurde es mir zurückgegeben: "Kümmer du dich mal darum", hieß es dann. Probleme in der Schule? Mama macht das schon. Arztbesuche? Mama. Organisation von Kindergeburtstagen oder allem, was sonstwie organisiert werden muss? Mama. Der Unterhalt wurde gezahlt, worüber ich mich ja im Vergleich zu vielen anderen Müttern glücklich schätzen darf. Er wurde exakt auf den Cent genau überwiesen, während meinen Kindern immer wieder gesagt wurde, dass ich für sie mehr bekomme, als ich eigentlich benötige und den Rest für mich ausgebe. Jahrelang ging das so, obwohl vom Unterhalt neben dem Alltäglichen auch Mitgliedsbeiträge zum Sportverein, einem Chor, der örtlichen Musikschule, Leihgebühren für Instrumente, die immer teurer werdenden Schulfahrten (den Vogel schoss mal eine einwöchige Skifahrt ab, die schlappe 650 Euro kostete) und das, was die Schulen immer noch nebenbei haben wollten, bezahlt wurde. Die "Mama bereichert sich an eurem Unterhalt"-Phase wurde dann an unserem Küchentisch beendet: mit einer Aufrechnung dessen, was von Papas monatlicher Überweisung am Ende tatsächlich noch übrig blieb. Betretenes Schweigen, als sich herausstellte, dass der Unterhalt gar nicht die Kosten deckt und ich jeden Monat zusätzliche Ausgaben habe, die ich von dem, was ich als Teilzeitarbeitende verdient habe, beglichen habe. Wenn ich mir nun vorstelle, dass der Unterhalt nur deshalb hätte gekürzt werden können, weil in der Wohnung des Vaters Kinderzimmer sind, verstehe ich die Welt nicht mehr.

Auch praktisch kann ich dem Gedanken nicht folgen: Die Miete für eine ausreichend große Wohnung bei den oben genannten alleinerziehenden Müttern bleibt dieselbe, unabhängig davon, ob die Kinder an vier Tagen im Monat außer Haus sind oder nicht. Kulante Vermieter, die sich da generös zeigen und auf einen Betrag verzichten, gibt es schließlich nicht. Auch die Verbrauchskosten für Strom, Wasser, Heizung und Internet gehen nicht dermaßen in die Knie, dass man da ernsthaft von einer Einsparung reden könnte. Das trifft selbstverständlich auch für die Ausgaben zu, über die ich ein paar Zeilen weiter oben schon geschrieben habe: Davon wird nichts weniger. Warum auch?!

Ich habe damals etliche Fälle, die meinem ähnelten, erlebt. Einer der krassesten war ein Vater, der übers Internet eine Österreicherin kennengelernt und sich nach kurzem Überlegen von der Mutter seiner Kinder getrennt hatte. Er lebt jetzt neu verheiratet in Österreich und hat für seine beiden Kinder in Deutschland viele Jahre keinen Unterhalt bezahlt. Zu behaupten, dass das Geld für die Mutter in dieser Zeit knapp war, wäre eine bodenlose Untertreibung. Ich weiß noch, dass ich nicht verstanden habe, warum es von einem EU-Land zum anderen nicht möglich sein soll, auf dem Wege der Amtshilfe den Kindesunterhalt einzutreiben. Der Anwalt dieser Mutter hatte alles versucht, war aber nicht erfolgreich. Im Gegensatz zu heute wurde der staatliche Unterhaltsvorschuss sogar nur bis zum 12. Geburtstag gezahlt. Dieses Alter muss mal irgendwer im Vollrausch ausgewürfelt haben, denn sachlich erklären ließ sich nicht, warum Vater Staat die alleinerziehenden Mütter, deren Ex-Männer finanziell abgetaucht waren, so im Stich gelassen hat. Zumindest das hat sich glücklicherweise inzwischen geändert.

Ich wünsche mir, dass Frau Giffey aus ihrem Paralleluniversum in die Realität zurückkehrt und ihren Plan noch mal überdenkt. Ach was: Ich wünsche mir, dass sie ihn dahin schmeißt, wo er hingehört: in den Müll. Der Kindesunterhalt ist kein Müttergehalt, das man kürzt, weil die Kinder an vier Tagen nicht die eigenen Kinderzimmer bewohnen; er dient dazu, die Kosten, die ein Kind nun mal mit sich bringt, zu bezahlen. Das ist der Denkfehler, den dieses Modell hat.

Kommentare:

  1. Sehr wahr und sehr richtig. Mich wundert es, dass dieser Vorschlag bisher so wenig diskutiert wurde - aber es gab im Karneval wohl Wichtigeres. Danke, dass Ihr es aufgreift, Sabine

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  2. Liebe Sabine, als ich von Frau Giffeys Plan las, ging mir wirklich der Hut hoch. Mir ist schleierhaft, wie man angesichts der statistischen Realität auf so etwas kommen kann. Da musste ich mir einfach Luft machen und hoffe, dass der Beitrag von den Lesern, die das auch so sehen, geteilt wird. LG, Ina

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  3. Die gute Frau sollte sich lieber Gedanken machen, wie sie die zahlungsunwilligen Väter noch im Nachhinein zur Kasse beten kann, die nach Volljährigkeit der Kinder plötzlich auf wundersame Weise eine gut bezahlte Arbeit haben und sich auch noch über die Mütter lustig machen, weil diese die eigene Karriere für die Kinder geopfert haben.

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  4. So sieht es aus! Aber das scheint ja ziemlich schlecht zu funktionieren.

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  5. So ein völliger Unsinn. Solange man überhaupt keine Erkenntnis hat, wievile Väter den Unterhalt nicht zahlen können, ist ihre Mutmassung, dass Alle keinen Unterhal zahlen wollen und Verweigerer sind, übelst!Ich bin selbst Vater von 3 Kindern, meine Frau und ich haben fast ein identisches Gehalt. Von den 3400 Brutto bleibt mir nach 500 Euro Steuern und 1000 Euro Unterhalt noch der Selbstbehalt von 1080 Euro. Das ist in etwa Sozialhilfe. Dadurch, dass ich meine 3 Kinder zu 25-30% betreue, ja auch zu Elternabende gehe, "Carearbeit" leiste, zu Arztterminen und sonstwas fahre, liege ich selbstverständlich unter den finanziellen Mitteln eines Sozialhilfeempfängers! Die Mutter hat indes ca. 3800 Euro netto! Das soll fair sein?

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  6. Ich kann nicht über Ihren Einzelfall urteilen, aber es ist kein Geheimnis und auch keine Neuigkeit, dass sehr viele Väter einigen Aufwand betreiben, um nicht oder wenig zahlen zu müssen. Die Zahlen, die ich genannt habe, sind durch Studien (Bertelsmann und SOEP) belegt. Die Berechnung des Kindesunterhalts erfolgt anhand der Einkommenshöhe beider Elternteile, des Alters Ihrer Kinder und einigen abzugsfähigen Kosten wie z. B. Altersvorsorge oder berufsbedingte Aufwendungen; wenn Sie das, was Sie jetzt zahlen, für unfair halten, ist da evtl. noch etwas möglich. Aber es liegt mir fern, das zu beurteilen. Wenn ich jedoch Ihre persönliche Rechnung nachvollziehe, sollten Ihnen nicht 1.080, sondern 1.900 Euro monatlich bleiben. Dass Sie sich so viel um Ihre Kinder kümmern, finde ich super. Aber Dinge, die man für seine Kinder tut, sind keine bezahlte Arbeit, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ich habe meinem Ex-Mann auch kein Fahrtenbuch vorgelegt, um nachzuweisen, welcher Aufwand mir durch das Mama-Taxi entstanden ist, um Unterhalt nachzufordern. Wie oben beschrieben, reichte der Betrag ohnehin nicht aus, um alle Kinder-Kosten zu decken. Aber dass nur für ein Viertel der Kinder von getrennten Eltern der volle Unterhalt und für ein weiteres Viertel zu wenig gezahlt wird sowie die oben genannte Prozentangabe zum Lebensmittelpunkt dieser Kinder sind Fakten, an denen Ihr individueller Fall nichts ändert.

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