Donnerstag, 8. März 2018

Herzlichen Glückwunsch zum Weltfrauentag - oder?



Wenn ich diesen Artikel veröffentliche, dauert der jährlich begangene Weltfrauentag noch etwa sechs Stunden. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, über ihn zu schreiben: Ich war mal einige Jahre lang stellvertretende Frauenbeauftragte in einem niedersächsischen Ministerium, eine Aktion zum Weltfrauentag war quasi Pflicht. Dort trafen sich dann die Frauen und waren sich während der jedes Mal unterschiedlich gestalteten Veranstaltungen einig, dass es noch eine Menge zu tun gebe. Danach gingen alle wieder in ihre Büros, um sich ein Jahr später unter denselben Vorzeichen wieder zu treffen.
Heute früh um 8.30 Uhr erreichte mich jedoch der erste Glückwunsch zum Frauentag – von einer Frau, von der ich weiß, dass sie fortschrittlich und emanzipiert denkt. Doch mein erster Impuls war: Wozu hat sie mir gratuliert? Der Weltfrauentag geht auf sozialistische Organisationen zurück, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht, Gleichberechtigung und Emanzipation eintraten. Gut, das mit dem Wahlrecht hat geklappt, aber angesichts dessen, dass rund 100 Jahre seit der Initiierung dieses Tages vergangen sind, ist deutlich zu wenig zugunsten der Frauen passiert. Wohlgemerkt: Es geht um die GLEICHbehandlung gegenüber Männern, nicht um die Inanspruchnahme von Vorteilen. Aber einige haben da etwas grundsätzlich nicht verstanden.

Werbung mit dem Weltfrauentag? Der Griff ins Klo


Der Drogerie-Discounter Rossmann hat mit seiner aktuellen Werbung einen Shitstorm ausgelöst. Zu Recht, denn man kann sich wirklich fragen, was in den Köpfen der „Kreativen“, die damit beauftragt worden sind, sich diesen Blödsinn auszudenken, herumgespukt ist: Der bekannte Firmenschriftzug wurde von ROSSMANN in ROSSFRAU umgemodelt – ehrlich, das ist doch an Originalität kaum noch zu überbieten, oder? Danach werden nach Ansicht des verantwortlichen Marketing-Teams offenbar Frauenträume wahr: „Lasst die Frau raus!“ Woraus denn bitte? Lebt mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung in Käfigen? Unter dem Hashtag #lasstdieFrauraus  läuft sogar ein Gewinnspiel mit „Mädelswochenenden“ und „Rossfrau Boxen“, womit auch immer sie gefüllt sein mögen. Mit Einmal-Handschuhen, Windeln, Spülmaschinentabs und Hygiene-Spülern wird da geworben und auch mit dem einen oder anderen Männerprodukt. Die Mehrheit der Kunden des Filialisten ist weiblich (60,1 %), und über 64 % der Kundschaft ist 40 Jahre und älter (2016; Quelle: statista.com). Guckt euch mal um, ihr Rossmann-Marketing-Experten: Mit 40+ hat keine Frau mehr Lust, außerhalb ihres Freundeskreises als „Mädel“ angesprochen zu werden. Das schließt mich selbst übrigens ein.
Aber in dieser Hinsicht scheinen Drogerieketten gerade keinen guten Lauf zu haben: BIPA, einer der größten Drogerie-Filialisten Österreichs, wirbt auf bipa.at am Weltfrauentag mit 25 % auf alle Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel. Ein ansehnlicher Herr in den Dreißigern lächelt mit Sprühflasche und Schwamm in den Händen in die Kamera. Die umgehängte Schürze vervollständigt die Kostümierung. BIPA gehört übrigens zum Rewe-Konzern und bat die in den sozialen Netzwerken protestierenden Frauen darum, die Aktion mit „einem Augenzwinkern“ zu sehen.


Gewalt gegen Frauen – immer noch ein Thema


Das BKA meldete für das Jahr 2016 den Tod von 149 
Frauen, die durch ihren Partner oder Ex-Partner ums Leben kamen. Von den 133.000 erwachsenen Opfern häuslicher Gewalt waren im selben Jahr 82 % weiblich. Das sind nur die der Polizei bekannten Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, da über 51 % der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen mit dem Täter zusammengelebt haben und es schwerer fällt, den eigenen Mann oder Vater anzuzeigen als einen Fremden.
Die 40 niedersächsischen Frauenhäuser erleben eine nie dagewesene „Nachfrage“: Sie mussten 2.600 Frauen aus Platznot abweisen, obwohl diese akut von Gewalt bedroht waren. Frauen haben, wie der NDR Mitte Februar 2018 berichtete, sogar weinend angeboten, auf dem Boden zu schlafen, wenn sie nur aufgenommen werden würden. In neun niedersächsischen Landkreisen gibt es gar kein Frauenhaus. Das ist ein deutliches Versagen der Politik, die die Not dieser Frauen anhaltend ignoriert. Ignoriert wird auch die Empfehlung des Europarates, wonach sichere Unterkünfte in allen Regionen eingerichtet werden sollen und pro 10.000 Einwohner Platz für eine Familie geschaffen wird. Das ist bis heute eine Utopie. Auch in anderen Bundesländern wie z. B. Mecklenburg-Vorpommern sind die Frauenhäuser ganz am Ende der Versorgungskette: Mitarbeiterinnen wird so wenig Gehalt gezahlt, dass Stellen lange Zeit nicht besetzt werden können. Eine unwürdige und beschämende Situation für ein wohlhabendes Land wie Deutschland.

Ach ja, das Geld…


Ich bin kein Fan von Anglizismen, aber um diesen Begriff kommt man in jedem Frühling nicht herum: Alle Nachrichten melden den Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Derzeit ist hier von 21 % die Rede, die Frauen weniger als Männer verdienen. Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass es sich hierbei um einen unbereinigten Wert handelt: Fast 75 % davon sind auf strukturelle Unterschiede zurückzuführen. Was ist damit gemeint? Die Antwort:
Deutlich öfter als Männer arbeiten Frauen in Teilzeit oder gehen einer geringfügigen Tätigkeit („Mini-Job“) nach. Wir sind zwar im 21. Jahrhundert, aber um die Kindererziehung und die Pflege von Angehörigen kümmern sich fast immer Frauen. Das scheint wie ein ehernes Gesetz zu sein, wogegen viele Frauen zu wenig tun. Liebe Männer, Solidarität sieht ganz anders aus. Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass 2016 51,7 % der Frauen bis 25 Jahre über die Hochschul- oder Fachhochschulreife verfügte, in der Altersgruppe der 25-35jährigen Frauen sind es sogar 52,9 %. Wir gucken mal bei den Männern: Dort waren es 43,3 % bzw. 48,4 %, also etwas weniger.
Es gibt auch noch einen Gender Pay Gap, den die OECD errechnet hat. Hier geht es um den Gehaltsunterschied von Männern und Frauen mit einem Hochschulabschluss. Auf der Grundlage der Zahlen von 2013 fanden sie heraus, dass in Deutschland 28 % der Männer und 29 % der Frauen zwischen 25 und 34 Jahren über einen solchen Bildungsabschluss verfügen, die Männer verdienen jedoch im Durchschnitt 21,6 % mehr. Warum? Unter anderem auch deshalb, weil den akademisch gebildeten Frauen Führungspositionen und Professorenstellen in den deutschen Hochschulen vorenthalten werden. Darum.

Wenn es darum geht, wer sich in einer Partnerschaft um die Kinder oder die pflegebedürftige Schwiegermutter kümmert, trifft das ganz überwiegend die Frau. Ein häufiges Argument: Sie verdient weniger als ihr Mann. Das stimmt sehr oft auch, sogar bei einer Vollzeitstelle. Das liegt aber nicht (nur) daran, dass Frauen zu harmoniebedürftig sind und ihre Gehaltsvorstellung nicht deutlich genug kommunizieren. Das liegt in vielen Fällen auch daran, dass ihre Berufswahl der Gang in die sichere Armut ist. Das stellt das Statistische Bundesamt als zweiten Faktor für die oben genannte Ungleichbezahlung fest: Frauen arbeiten oft in schlechter bezahlten Berufen wie beispielsweise der Pflege. Warum? Liebe Mit-Frauen, habt ihr so etwas wie ein Helfersyndrom? Warum lasst ihr euch für kleines Geld ausbeuten in Berufen, die obendrein noch zu einer winzigen Rente führen? Aber ich sehe mir mal die  Top-10 der Ausbildungsberufe an, in denen 2016 ein Ausbildungsvertrag mit Frauen abgeschlossen wurde (Quelle: bibb.de):
Ganz vorn mit 10,3 % ist die Kauffrau für Büromanagement; das hieß früher mal Bürokauffrau und wird mit 1.800 bis 2.400 Euro brutto bezahlt – dieser Gehaltsdurchschnitt bezieht sich sowohl auf Männer als auch Frauen; wie weit der Gender Pay Gap durchschlägt, habe ich nicht ermittelt.
Danach kommen die Medizinische Fachangestellte, die Verkäuferin, die Einzelhandelskauffrau, die zahnmedizinische Fachangestellte, die Industriekauffrau, die Frisörin, die Hotelfachfrau, die Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk (z. B. Bäckerei- oder Fleischereifachverkäuferin) und die Kauffrau im Groß- und Außenhandel. Allen diesen Berufen ist gemeinsam, dass ihre Gehälter auch nach etlichen Berufsjahren noch übersichtlich sind und sie kaum Chancen für eine Weiterentwicklung bieten, die sich in mehr Geld und mehr Verantwortung niederschlägt.
Fazit: Meine Gefühle angesichts der Gratulationen zum Weltfrauentag, zu dessen Einführung ich nichts kann, sind ambivalent. Ja, man muss das Thema der Ungleichbehandlung von Frauen immer wieder lautstark nach vorn bringen, aber eben immer und nicht nur an einem Tag, an dem dieser Anlass zu allem Übel auch noch von der Werbung ausgeschlachtet wird. Aber wir Frauen sollten uns auch immer wieder mal an die eigene Nase fassen und überlegen, ob die Entscheidungen, die wir für unser Leben treffen, unsere Situation nicht verschlechtern. Nutzt eure Möglichkeiten!


Kommentare:

  1. Ein toller Beitrag, liebe Ina. Ja, zum Gratulieren gibts da wahrlich nichts. Was ich nicht verstehe, ist, dass die jungen Leute heute alles so hinnehmen. Bei uns in der Region finden derzeit die Wahlen zum Jugendparlament statt. Es ist schon abzusehen, dass die Beteiligung wieder für den Mülleimer ist.

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    1. Liebe Anne, vielen Dank! Ich habe das, was du kritisierst, auch schon mal beobachtet ud glaube, dass die Wertschätzung für das Erreichte fehlt. Errungenschaften fallen aber nun mal nicht vom Himmel, sondern sind das Ergebnis zäher Bemühungen. LG, Ina

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