Samstag, 13. Mai 2017

Warum nicht nur Europa ein gestärktes Wir-Gefühl dringend nötig hat.

Protestwähler, PEGIDA und eine sog. „Alternative für Deutschland“ -  Viele Menschen haben genug von der politischen Führung und suchen sich ihren eigenen Weg, um ihre Enttäuschung und Wut am politischen System auszudrücken. Ganz gleich, ob man mit diesem Phänomen einverstanden ist oder nicht: Es ist eine Realität unserer Zeit, dass viele Menschen die Identifikation mit ihrem Staat und der politischen Führung verloren haben und sich entweder frustriet abwenden, oder sich neue Identifikationsmerkmale wie „das Volk“, „die Heimat“ oder „das Abendland“ suchen. 
Dies gilt für Deutschland, doch noch mehr für die Europäische Union, die sich in einer tiefen Identitätskrise befindet. Von Brexit bis Hofer, von Le Pen bis Wilders: Abschottung und Sicherung der Eigeninteressen stehen bei vielen vor einer gemeinschaftlichen Identität und einem Solidaritätsgefühl. In unserer Zeit ist etwas verloren gegangen:
Ein Zugehörigkeitsempfinden und „Wir-Gefühl“.

Solidarität wird vor Ort konkret


Sicherlich muss man diese Entwickelung analysieren, kritisieren und auch bedauern. Doch das allein ist keine Lösung. Es bleibt die Frage, wie es um die Solidarität der vermeintlich „guten Bürger“ steht, also derer, die sich kritisch über protektionistische und populistische Entwicklungen äußern und eine stärkere Rückbesinnung auf gemeinschaftliche Werte fordern. Solidarität und Zusammenhalt wachsen im Kleinen, im Alltäglichen. Doch genau dort werden sie auch angefragt und angegriffen.

Die nachfolgenden Gedanken sollen deshalb als „Denkzettel“ dienen, für alle, die zu gern auf „die Anderen“ schimpfen, die eigensinnig und spaltend wirken. Dabei soll es jedoch nicht um eine Anklage gehen, sondern vielmehr um die Aufforderung in dieser herausfordernden Zeit umso entschlossener Solidarität und Zusammenhalt zu leben.


4 Denkanstöße


1.) Staatstreue und die kleinen Unehrlichkeiten

Wie steht es um meine Treue zum Staat? Bekenne ich sie nur, indem ich über rechtspopulistische Tendenzen schimpfe und Solidarität einfordere, oder zeige ich auch im Alltäglichen, dass ich zu meinem Staat stehe? Hier und da ein paar kleine Tricks bei der Steuererklärung, da mal etwas mehr angegeben und hier etwas weggelassen. Was ist schon dabei? Doch bin ich mir darüber im Klaren, wen ich mit diesem Vorgehen letztlich schädige? Nämlich meinen eigenen Staat und die Solidargemeinschaft. Steuerhinterziehung ist ein großes Wort, doch Steuerunehrlichkeiten und „Staatsuntreue“ fangen manchmal schon im Kleinen an.

2.) Das Gesetz und seine kleinen Lücken

Wie halte ich es mit den Gesetzen meines Landes? Sicher geht es bei dieser Frage nicht um Mord und Totschlag. Es sollte auch nicht um ein penibles Abarbeiten von Paragraphen gehen. Vielmehr ist die Frage, wie sehr ich zu den Gesetzen meines Landes stehe. „Das geht doch auch ohne Rechnung!“ – „Die Haushaltshilfe darf gerne auch unangemeldet bei mir arbeiten.“ Sicher mag man ein solches Verhalten im Einzelfall als „lässliche Sünde“ sehen. Doch kann auch hier schon eine Distanzierung zum eigenen Staat mit seinen Gesetzen und seiner Rechtsprechung entstehen.

3.) Pauschal ist einfach, aber gefährlich

„Die Politiker kannst du alle vergessen!“ – „In den Banken sitzen doch nur gierige Bänker und Blutsauger!“ – Wer kennt solche Sprüche nicht und hat sie vielleicht bei passender oder unpassender Gelegenheit schon selbst vom Stapel gelassen? Dennoch sollte man mit solchen Pauschalisierungen vorsichtig sein. Kann man wirklich alle Politiker vergessen? Auch den kleinen Kommunalpolitiker, der sich aufopferungsvoll für das Gemeinwohl einsetzt, und die engagierte Wahlkreisabgeordnete, die sich viel Zeit nimmt für die Sorgen der Bürger? Sind wirklich alle Bänker gierige Blutsauger? Auch der Bänker in der Ortsfiliale, der seine Kunden ehrlich und aufrichtig berät?
In Zeiten der Entfremdung und Abgrenzung sind pauschale Vorurteile gefährlich. Differenzierungen und eine genaue Wortwahl können dagegen äußerst hilfreiche Mittel sein, um flachen Verallgemeinerungen und abgrenzenden Tendenzen wirksam zu begegnen.

4.) Da muss was passieren – aber nicht bei mir.

„Der Staat muss mehr für das Klima tun!“, sagte er und fuhr aus Bequemlichkeit mit dem Auto die 300m zum Bäcker an der Ecke. „Die Weltgemeinschaft muss endlich etwas gegen globale Ausbeutung unternehmen!“, sagte sie und kaufte im Billig-Discounter für 2,99€ ein neues Oberteil für den Sommer. 
Vermutlich kann niemand von uns alleine die Welt retten und mag er noch so viele Strecken mit dem Rad statt dem Auto bewältigen oder noch so engagiert im FairTrade-Onlineshop Klamotten kaufen. Doch am schlimmsten ist das Gegenteil: Die eigene Verantwortung zu übersehen und alles auf die schlimmen Entwicklungen dieser Welt zu schieben. Viele große Schritte fangen im Kleinen an. Oder wie es ein Lied beschreibt: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, dann können sie das Gesicht der Welt verändern.“

Wider dem Populismus – mit Taten


Zum Abschluss noch ein Hinweis: Es soll mit diesen Denkanstößen sicher nicht um ein ängstliches „Skrupulantentum“ gehen, auch nicht um ein besonders ausgeprägtes Gutmenschentum oder eine Anklage der Bequemlichkeit. Vielmehr ist dieser Artikel ein Aufruf das eigene Handeln immer wieder neu zu prüfen und egoistischen und abschottenden Tendenzen nicht nur Worte entgegenzuhalten, sondern auch Taten – und seien sie auch noch so klein. 

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