Samstag, 27. Mai 2017

Das Lutherjahr – Drei Impulse zum Reformationsjubiläum

Es ist ein Jahr der Superlative. Barack Obama kommt eigens nach Berlin und diskutiert mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vor großer Kulisse über Flüchtlingspolitik und Christentum. 200.000 Christen feiern in der Lutherstadt Wittenberg einen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum. Deutschlandweit sorgt ein zusätzlicher Feiertag dafür, dass der Jahrestag der Reformation auch von Kirchenfernen zumindest zur Kenntnis genommen wird.


Lutherbier und Lutherpantoffel – ein Fest in aller Munde oder doch nur für die Füße?


Das Lutherjahr ist gigantisch inszeniert. Das gilt für Veranstaltungen genauso, wie für Tourismus und Marketing. Martin Luther als Playmobilfigur, Luthersocken oder eine Luther-Cappuccino-Schablone sind im Handel ebenso erhältlich wie Lutherpantoffeln und Lutherbier. Doch was bedeutet das Lutherjahr wirklich?
Vor allem für protestantischen Christen ist es ohne Frage ein wichtiger Teil ihrer Identität. Andere fragen eher kritisch, warum eine Kirchenspaltung überhaupt Grund zur Feier geben sollte. Eine dritte Gruppe schließlich bleibt vom Jubiläum gänzlich unberührt, freut sich aber dankbar über einen zusätzlichen freien Tag.
Doch ganz gleich, ob man das Reformationsjahr feiert, es kritisch beäugt oder ihm gleichgültig entgegentritt: Impulse für die Zukunft kann das Reformationsjahr in vielerlei Hinsicht liefern, ganz besonders im Jahr der Bundestagswahl. Drei davon sollen nachfolgend genannt sein:


Drei davon sollen nachfolgend genannt sein:


1.) Luthers Frage nach dem gerechten Gott: wie steht es um Gerechtigkeit heute?


Die Frage nach dem gerechten Gott trieb Martin Luther in jungen Jahren fast in den Wahnsinn. Sie quälte ihn und war wohl der Hauptgrund dafür, dass Martin Luther Mönch wurde. Während er in jüngeren Jahren selbst große Angst hatte, vor Gott nicht bestehen zu können, richtete sich Luther in späteren Jahren gegen die Lehre der Kirche, die sich zur Richterin zwischen Gerechten und Ungerechten aufspielte. Er prangerte an, dass nicht Spenden und der Kauf von Ablassbriefen den Menschen gerecht machen könnten, sondern allein der Glaube. Luther forderte Gerechtigkeit für alle allein durch den Glauben und ohne Blick auf Vermögen, Titel und Herkunft.
Mit dieser Forderung scheint Luther brandaktuell, auch wenn der Fokus heute stärker auf der Frage der sozialen Gerechtigkeit als auf einer Glaubensgerechtigkeit liegt.
Zwar können sich reiche Menschen heute nicht mehr den Himmel erkaufen, dennoch haben sie deutliche Vorteile gegenüber sozial schwächer Gestellten. Sie haben einen besseren Zugang zu Bildung und Wohlfahrt und damit letztlich auch größere berufliche Perspektiven und Chancen. Diese Ungerechtigkeit muss auch heute weiter angeprangert werden, vor allem in einer Zeit von Flüchtlingskrisen und einer immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich.
Die Frage nach der Gerechtigkeit für alle scheint also auch 500 Jahre nach der Reformation noch brandaktuell, wenn auch unter veränderten Vorzeichen.



2.) Luthers Thesen: Reformstau damals und heute?


Das Reformationsjubiläum kann eine große Einladung sein, sich als Christen selbst zu feiern. Die riesigen Veranstaltungen, einer hohen Medienpräsenz und ein großes öffentliches Interesse am deutschen Christentum können für Höhenflüge bei Kirchenvertretern sorgen.
Doch liegt gerade hier auch eine große Versuchung.
Selbstfeier scheint nicht angebracht in einer Zeit, in der die Kirche trotz eines kleinen Reformationshochs immer weiter an öffentlicher Bedeutung verliert. Der Schwund an Gläubigen ist signifikant. Die Kirche findet im gesellschaftlichen Kontext immer weniger Gehör. Dies liegt zum einen sicher daran, dass viele Menschen den Ansichten der Kirche nicht mehr die Bedeutung früherer Jahre zumessen. Zum anderen scheinen beide christlichen Kirchen in vielen Punkten zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Statt einer Einmischung in politische und ethische Fragen führen beide Kirchen eine Binnendiskussion über Strukturen. Wie damals, so scheint auch heute eine gewisse Weltferne der Kirchen eingetreten zu sein. Es fehlt an der Nähe zu den Fragen, die die Menschen heute beschäftigen und drängen.
Martin Luther hatte mit seinen 95 Thesen Reformen für die Kirche gefordert. Er wollte eine Kirche, die sich stärker am Menschen orientiert. Dieser Thesenanschlag scheint auch heute wichtig. Kirche – egal ob katholisch oder protestantisch – darf niemals in die Versuchung geraten, zu sehr um eigene Fragen zu kreisen. Sie muss sich immer wieder neu an den Fragen der Zeit ausrichten und Antworten bieten. Sonst wird sie überhört. Diese ständige und bleibende Reformation ist ein zentraler Auftrag auch 500 Jahre nach der großen Reformation von Wittenberg.



3.) Die Bibelübersetzung: Begegnung auf Augenhöhe?


Eines der großen Anliegen Martin Luthers war es die Bibel, die bisher nur in Wissenschaftlern zugänglich war, in die Sprache der Menschen zu übersetzen. Damit wollte er vermeiden, dass nur eine bestimmte Elite Zugang zur Schrift hat, alle anderen aber auf eine Auslegung durch Gelehrte angewiesen sind.
Er wollte Chancengleichheit für alle im Blick auf die Zugänglichkeit des Wortes Gottes.
Nicht einige Theologen und Geistliche sollten von oben herab dem Volk den Sinn der Bibel diktieren. Vielmehr sollte ein Dialog auf Augenhöhe möglich sein, bei dem sich jeder Mensch selbst einen Zugang zur Bibel verschaffen kann.

Diese Begegnung auf Augenhöhe scheint auch heute ein wichtiges Gebot der Stunde.
In Zeiten der Politikverdrossenheit und Protestbewegungen braucht es keine Politiker, die von oben herab dem Volk diktieren, was gut oder schlecht für die Menschen ist. Vielmehr braucht es wieder einen stärkeren Dialog auf Augenhöhe, bei dem sich alle Menschen gleichberechtigt gegenübertreten.
So ist Luther auch heute ein Mahner dafür, dass die führende Elite nicht belehrend den Menschen gegenübertritt, sondern den direkten Dialog und Austausch sucht.


Ein Wort zum Schluss: Deutschland muss Reformationsland bleiben.


Es bleibt eine Frage der jeweiligen Einstellung, ob man die Reformation stolz feiert oder diese eher problematisiert und kritisiert. Dennoch wird wohl kaum jemand bezweifeln, dass sich mit der Reformation der wohl bedeutendste Umbruch des Mittelalters von Deutschland aus Bahn gebrochen hat. An diesen historischen Fakt darf sich Deutschland durchaus selbstbewusst erinnern. Wir sind das Land der Freidenker und Kritiker, aber auch das Land der Reformationen und Neuerungen.
Deutschland hat in der Geschichte Veränderungspotenzial und Gestaltungskraft bewiesen.
Genau diese ist unserem Land gerade heute besonders stark zu wünschen.

Samstag, 13. Mai 2017

Warum nicht nur Europa ein gestärktes Wir-Gefühl dringend nötig hat.

Protestwähler, PEGIDA und eine sog. „Alternative für Deutschland“ -  Viele Menschen haben genug von der politischen Führung und suchen sich ihren eigenen Weg, um ihre Enttäuschung und Wut am politischen System auszudrücken. Ganz gleich, ob man mit diesem Phänomen einverstanden ist oder nicht: Es ist eine Realität unserer Zeit, dass viele Menschen die Identifikation mit ihrem Staat und der politischen Führung verloren haben und sich entweder frustriet abwenden, oder sich neue Identifikationsmerkmale wie „das Volk“, „die Heimat“ oder „das Abendland“ suchen. 
Dies gilt für Deutschland, doch noch mehr für die Europäische Union, die sich in einer tiefen Identitätskrise befindet. Von Brexit bis Hofer, von Le Pen bis Wilders: Abschottung und Sicherung der Eigeninteressen stehen bei vielen vor einer gemeinschaftlichen Identität und einem Solidaritätsgefühl. In unserer Zeit ist etwas verloren gegangen:
Ein Zugehörigkeitsempfinden und „Wir-Gefühl“.

Solidarität wird vor Ort konkret


Sicherlich muss man diese Entwickelung analysieren, kritisieren und auch bedauern. Doch das allein ist keine Lösung. Es bleibt die Frage, wie es um die Solidarität der vermeintlich „guten Bürger“ steht, also derer, die sich kritisch über protektionistische und populistische Entwicklungen äußern und eine stärkere Rückbesinnung auf gemeinschaftliche Werte fordern. Solidarität und Zusammenhalt wachsen im Kleinen, im Alltäglichen. Doch genau dort werden sie auch angefragt und angegriffen.

Die nachfolgenden Gedanken sollen deshalb als „Denkzettel“ dienen, für alle, die zu gern auf „die Anderen“ schimpfen, die eigensinnig und spaltend wirken. Dabei soll es jedoch nicht um eine Anklage gehen, sondern vielmehr um die Aufforderung in dieser herausfordernden Zeit umso entschlossener Solidarität und Zusammenhalt zu leben.


4 Denkanstöße


1.) Staatstreue und die kleinen Unehrlichkeiten

Wie steht es um meine Treue zum Staat? Bekenne ich sie nur, indem ich über rechtspopulistische Tendenzen schimpfe und Solidarität einfordere, oder zeige ich auch im Alltäglichen, dass ich zu meinem Staat stehe? Hier und da ein paar kleine Tricks bei der Steuererklärung, da mal etwas mehr angegeben und hier etwas weggelassen. Was ist schon dabei? Doch bin ich mir darüber im Klaren, wen ich mit diesem Vorgehen letztlich schädige? Nämlich meinen eigenen Staat und die Solidargemeinschaft. Steuerhinterziehung ist ein großes Wort, doch Steuerunehrlichkeiten und „Staatsuntreue“ fangen manchmal schon im Kleinen an.

2.) Das Gesetz und seine kleinen Lücken

Wie halte ich es mit den Gesetzen meines Landes? Sicher geht es bei dieser Frage nicht um Mord und Totschlag. Es sollte auch nicht um ein penibles Abarbeiten von Paragraphen gehen. Vielmehr ist die Frage, wie sehr ich zu den Gesetzen meines Landes stehe. „Das geht doch auch ohne Rechnung!“ – „Die Haushaltshilfe darf gerne auch unangemeldet bei mir arbeiten.“ Sicher mag man ein solches Verhalten im Einzelfall als „lässliche Sünde“ sehen. Doch kann auch hier schon eine Distanzierung zum eigenen Staat mit seinen Gesetzen und seiner Rechtsprechung entstehen.

3.) Pauschal ist einfach, aber gefährlich

„Die Politiker kannst du alle vergessen!“ – „In den Banken sitzen doch nur gierige Bänker und Blutsauger!“ – Wer kennt solche Sprüche nicht und hat sie vielleicht bei passender oder unpassender Gelegenheit schon selbst vom Stapel gelassen? Dennoch sollte man mit solchen Pauschalisierungen vorsichtig sein. Kann man wirklich alle Politiker vergessen? Auch den kleinen Kommunalpolitiker, der sich aufopferungsvoll für das Gemeinwohl einsetzt, und die engagierte Wahlkreisabgeordnete, die sich viel Zeit nimmt für die Sorgen der Bürger? Sind wirklich alle Bänker gierige Blutsauger? Auch der Bänker in der Ortsfiliale, der seine Kunden ehrlich und aufrichtig berät?
In Zeiten der Entfremdung und Abgrenzung sind pauschale Vorurteile gefährlich. Differenzierungen und eine genaue Wortwahl können dagegen äußerst hilfreiche Mittel sein, um flachen Verallgemeinerungen und abgrenzenden Tendenzen wirksam zu begegnen.

4.) Da muss was passieren – aber nicht bei mir.

„Der Staat muss mehr für das Klima tun!“, sagte er und fuhr aus Bequemlichkeit mit dem Auto die 300m zum Bäcker an der Ecke. „Die Weltgemeinschaft muss endlich etwas gegen globale Ausbeutung unternehmen!“, sagte sie und kaufte im Billig-Discounter für 2,99€ ein neues Oberteil für den Sommer. 
Vermutlich kann niemand von uns alleine die Welt retten und mag er noch so viele Strecken mit dem Rad statt dem Auto bewältigen oder noch so engagiert im FairTrade-Onlineshop Klamotten kaufen. Doch am schlimmsten ist das Gegenteil: Die eigene Verantwortung zu übersehen und alles auf die schlimmen Entwicklungen dieser Welt zu schieben. Viele große Schritte fangen im Kleinen an. Oder wie es ein Lied beschreibt: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, dann können sie das Gesicht der Welt verändern.“

Wider dem Populismus – mit Taten


Zum Abschluss noch ein Hinweis: Es soll mit diesen Denkanstößen sicher nicht um ein ängstliches „Skrupulantentum“ gehen, auch nicht um ein besonders ausgeprägtes Gutmenschentum oder eine Anklage der Bequemlichkeit. Vielmehr ist dieser Artikel ein Aufruf das eigene Handeln immer wieder neu zu prüfen und egoistischen und abschottenden Tendenzen nicht nur Worte entgegenzuhalten, sondern auch Taten – und seien sie auch noch so klein.