Samstag, 4. März 2017

Internetsucht und Handywahn

In einer Zeitungsnotiz habe einen Artikel entdeckt: Es beklagen sich Kindergärtnerinnen, dass Müttern selbst beim Abholen der Kinder im Kindergarten das Handy wichtiger ist. Erinnerte mich an die Meldungen, dass für Fußgänger Bodenstreifen statt Ampeln angedacht werden, damit die Handynutzer nicht mehr blind die Straße überqueren und zu Tode kommen. 

Für die meisten findet das Leben auf einem Bildschirm statt, der kleiner ist als die guten alten Reclamhefte. Die Welt im Miniaturformat, während das Leben um einen herum versucht, auf sich aufmerksam zu machen. 


Um die Ecke bei mir ist ein Kindergarten. 

Ich sehe jeden Morgen die Mütter mit ihren Handys und den Kindern im Wagen heraneilen. Ich wage es, eine Mutter anzusprechen, warum ihr das Handy wichtiger ist als das Kind im Kinderwagen (ein knappes Jahr alt), das den ganzen Tag nichts mehr von seiner Mutter sieht. Fehler! Großes Brett. Ich hätte ja keine Ahnung, wie voll stressig es als Alleinerziehende wäre, sie müsste schon wichtige Sachen mit den Kollegen austauschen und ich könnte ja den Kindsvater für sie auftreiben, anstatt sie schwach anzulabern, der schulde ihr Unterhalt plus X. Peng. Ein Gesprächsangebot über Hilfe für sie wird abgeschmettert: "Ich brauch keine Hilfe." 

Paar in der Mediation 

Beide haben das Handy in der Hand. Ich stelle die Frage, wie sie denn am Abend, wenn sie beide daheim sind, miteinander sprechen. Beide heben das Handy hoch. Vielleicht sollte ich mich als Display verkleiden und meine Ansagen als App versenden. 

Wenn das so weitergeht, erkennen wir die Realität nicht mehr wirklich, wenn sie größer ist als ein Handybildschirm. Die Kommunikation wird simplifiziert, nie mehr als 144 Zeichen, am besten Icons oder Emoticons. Und zur Mediation kommen vermutlich dann alle, die mal in den Arm genommen werden möchten? 

Ein Vater sagte neulich allen Ernstes. "Weißt du noch, die Tamagotchis damals? Die konntest du wenigstens untern Schulbusreifen legen, wenn sie genervt haben." Sprachs und schaute auf den im Raum leider anwesenden Sohn (wie ginge es uns, wenn man so in unserem Beisein über uns redet?). Der spricht nicht mehr, aber er kann gut beißen. Vermutlich seine einzige Chance, wahrgenommen zu werden.