Sonntag, 22. Januar 2017

Alt und hilflos? Das geht uns irgendwann alle an



Wie wollen wir im Alter leben? Die Angst vor dem Lebensabend im Pflegeheim



Dieses Thema gehört zu den meistverdrängten: Wir möchten uns keine Gedanken über das Ende unseres Lebens, aber auch nicht über den letzten Abschnitt davor machen. Die Vorstellung, körperlich, geistig oder psychisch so viel Unterstützung zu benötigen, dass diese – warum auch immer – nur in einer entsprechenden Einrichtung gewährleistet werden kann, macht Angst. Aber ist die weit verbreitete Sorge, in einem Seniorenheim, einer Residenz oder einem Haus mit einem ähnlich wohlklingenden Namen schlecht versorgt zu werden und vor sich hin zu dämmern, berechtigt? Oder sind das Übertreibungen von Leuten, die in allen Dingen das berühmte Haar in der Suppe finden? In den letzten Jahren haben sich Meldungen über Altenheime, in denen die Bewohner sträflich vernachlässigt wurden, gehäuft. Manche dieser Heime wurden sogar zwangsweise geschlossen, weil ihre Betreiber auch trotz mehrmaliger Aufforderungen der Heimaufsicht ihren Pflichten nicht nachgekommen sind. Es fehlte an allem: an der richtigen Medikamentengabe, an altersgerechter Ernährung, an der Flüssigkeitszufuhr, der nötigen Hygiene, der Körperpflege und der menschlichen Zuwendung. In der Regel gab es hierfür wirtschaftliche Gründe: Die meisten Heime werden nicht staatlich, sondern durch Gesellschaften betrieben. Es geht schlicht um Gewinnmaximierung, die man wie in fast jeder Branche am leichtesten mithilfe von Personalkosteneinsparungen erzielt. Pflegeheime sind da keine Ausnahme.
Ich habe aus der Nähe selbst Erfahrungen mit Altenheimen gemacht. Gute und schlechte. Aber darum soll es hier nicht gehen, denn meine Erlebnisse und Beobachtungen sind subjektiv und deshalb nur begrenzt aussagekräftig.
Doch es stellt sich noch eine weitere Frage: Tun wir das Richtige, wenn wir die Gedanken an eine spätere Pflegebedürftigkeit und die Versorgung in einem Heim verdrängen und damit umgehen wie mit einer ansteckenden Krankheit? „Das trifft doch nur andere, aber mich doch nicht!“ Die Antwort fällt kurz und knapp aus: Die Vogel-Strauß-Haltung hat noch nie weitergeholfen.

Den Kopf in den Sand stecken – das ist nur vorübergehend beruhigend


Um sich vor Augen zu halten, wie wahrscheinlich solch ein Szenario, selbst pflegebedürftig zu sein und in einem Pflegeheim betreut zu werden, an den Einzelnen heranrücken kann, werde ich (mal wieder) Daten heranziehen: Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Ende 2013 2,63 Millionen Bürger nach dem Pflegeversicherungsgesetz als pflegebedürftig eingestuft worden waren. Damals gab es zum selben Zeitpunkt in Deutschland 80,8 Millionen Einwohner; bei 3,25 % dieser Einwohner gab es demnach einen Pflegebedarf. Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch aus – wenn nicht aufgrund der Alterung der Bevölkerung ihre Zahl seit Dezember 2011 innerhalb von nur zwei Jahren um 125.000 angestiegen wäre. Auch für das Jahr 2015 liefert das Bundesamt Zahlen: 2,86 Millionen Menschen galten als pflegebedürftig und damit 230.000 mehr als noch zwei Jahre zuvor. Ein Trend, der anhalten wird, denn die geburtsstarken 1960-er Jahrgänge stehen als die künftigen Pflegefälle gewissermaßen in den Startlöchern. 783.000 Menschen wurden im Dezember 2015 in Pflegeheimen betreut. Der 2016 erschienene „Pflegereport 2030“ der Bertelsmann-Stiftung geht sogar davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen im Jahr 2030 bei 3,4 Millionen liegen wird. Investoren haben die Zeichen der Zeit längst erkannt: Pflegeheime aller Preisklassen schießen wie Pilze aus dem Boden.
Von der Situation sind nicht nur die Pflegebedürftigen selbst, sondern auch ihre Angehörigen betroffen, sei es als Pflegende oder als Menschen, die entscheiden müssen, in welchem Heim die Eltern oder der Partner ihr Leben fortsetzen sollen oder ob ein ambulanter Pflegedienst eingeschaltet wird.

Die Zuzahlung – damit muss gerechnet werden


Die oben genannte Bertelsmann-Studie brachte noch mehr Erkenntnisse: Die Höhe der monatlichen Zuzahlung, die von den pflegebedürftigen Bewohnern selbst aufgebracht werden muss, klafft zwischen den einzelnen Bundesländern deutlich auseinander. Auf der Grundlage der bis zum 30. Dezember 2016 gültigen Pflegestufen betrug 2014 für die Pflegestufe I die eigene Zuzahlung in Sachsen durchschnittlich nur 747 €, während im teuersten Bundesland Nordrhein-Westfalen 1.668 Euro aufgebracht werden mussten. Angesichts der durchschnittlichen Einkommens- und Vermögenssituation ergibt sich, dass z. B. in Nordrhein-Westfalen sich über 80 Jahre alte Menschen aus eigener Kraft nur zehn Monate einen Heimplatz leisten können. Danach werden je nach Belastbarkeit ihre Kinder zur Kasse gebeten; ist hier nichts zu holen, zahlt der Staat.

Mehr Geld = mehr Qualität?


In den Zeiten, als man in Deutschland noch an die Einstufungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) glaubte, gab es nur großartige Heime: Fast alle hatten eine Note mit einer 1 vor dem Komma, die man stolz auf der Heimhomepage präsentieren konnte. Der bundesweite Durchschnitt lag bei einer erstklassigen 1,2. Doch dann wurde immer öfter Wasser in den Wein gegossen: Es mehrten sich Berichte über Einrichtungen, in denen Bewohner stundenlang in vollen Inkontinenzwindeln lagen, falsche Medikamente bekamen, ihnen ungenießbares Essen vorgesetzt wurde oder sie einfach sediert wurden, damit sie tagsüber möglichst wenig Arbeit machten. Die Reportagen wurden sowohl  von öffentlich-rechtlichen als auch privaten Fernsehsendern gemacht. Die MDK-Noten wurden so unglaubwürdig, dass sie seit dem 1. Januar 2016 nicht mehr erhoben werden. Bis Ende 2017 soll von einem eigens eingerichteten Ausschuss ein brauchbares Qualitätsprüfungs- und Veröffentlichungssystem für Pflegeheime ausgearbeitet werden. Bis dahin dürfen die Heime die bisherigen Noten weiter verwenden und in großer Zahl suggerieren, vorbildlich zu arbeiten.
Sind die teuren Pflegeheime die besseren? Angesichts der seltsamen Vergabe der Pflegenoten wohl nicht. Doch wie kann man herausfinden, welche Einrichtung empfehlenswert ist? Das ist sehr schwer: Das Bundesgesundheitsministerium hat das Online-Dokument „Wie erkenne ich ein gutes Heim?“ zurückgezogen, das gilt auch für den „Ratgeber zur Pflege“.  Für ein mittleres Beben sorgten im Juni 2016 allerdings die Recherche-Ergebnisse des journalistischen Portals Correctiv: Sie zeigten, dass 60 % der Heime ihre Bewohner nicht ausreichend versorgen. In Bayern und Rheinland-Pfalz fielen sogar 80 % der Einrichtungen negativ auf, in Brandenburg nur 40 %, was immer noch zu viel ist. Beruhigend ist das alles nicht.
Bis Ende 2016 hatte die Bertelsmann-Stiftung mit der „Weißen Liste“ ein Internet-Informationsportal zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe Interessierte Pflegeheime miteinander vergleichen konnten. Die Grundlagen bildeten die Daten des MDK, die allerdings nur noch für die Bereiche Pflege und Medizin ausgewertet und aufbereitet wurden. Unwichtigere Faktoren wie z. B. die Schriftgröße der Speisepläne, mit denen der MDK ungünstige Kriterien ausgleichen und die Prüfnote verbessern konnte, sind für die Weiße Liste aus der Bewertung herausgenommen worden. Ergebnis: Nur 11 % der Heime schafften die 100  %-Marke. Mit dem 1. Januar 2017 hat der MDK der Bertelsmann-Stiftung allerdings keine aktuellen Berichte, die im Rahmen von üblichen Heimkontrollen erstellt wurden, mehr zur Verfügung gestellt, sodass diese Hilfestellung bei der Suche nach einem guten Heim derzeit nicht existiert. Ein gutes Heim zu finden bleibt also zu einem großen Teil Glückssache, denn eine Besichtigung vor dem Einzug liefert für einen Pflege-Laien kaum brauchbare Erkenntnisse.

Und nun?


Es ist nicht hinnehmbar, dass in einem Land wie Deutschland so mit Menschen umgegangen wird, wie es in zahlreichen Pflegeheimen üblich ist. Dass der Schatten der schlechten Heime auch auf die guten fällt, ist ein unschöner und ärgerlicher Nebeneffekt. Die Sorge, als hilfsbedürftiger alter Mensch sein Leben unter belastenden und schädigenden Bedingungen in einem Pflegeheim zu Ende zu bringen, ist nicht unbegründet. Als Angehöriger eines Heimbewohners hilft da nur eine regelmäßige Präsenz vor Ort, um zu bemerken, wenn etwas nicht „rund“ läuft und entsprechend einzuschreiten. Wenn Kritik nicht hilft, dann ist die Heimaufsicht der nächste Ansprechpartner. Auch die Politik ist gefordert: Die Kommerzialisierung der Altenpflege hat in vielen Fällen zu niedrigen Gehältern des Personals und dauerhafter personeller Unterbesetzung geführt. Das ist billig, aber eben auch gefährlich. Angehörige können, wenn sie solche Missstände beobachten, versuchen, die Landtagsabgeordneten ihres Wahlkreises ins Boot zu holen. Was schief läuft, sollte ausgesprochen werden. Auch an der Bundespolitik gibt es einiges zu bemängeln: Der aktuelle Bundesgesundheitsminister Gröhe legt seinen Fokus auf die Palliativversorgung und Sterbebegleitung, die Verbesserung der Pflege hat bei ihm erstmal Pause. Allerdings bleibt todkranken Heimbewohnern der Weg ins Hospiz auch künftig verwehrt: Formal sollen zwar die Heime den allerletzten Weg mit abdecken, Hospizen stehen für die Betreuung ihrer Patienten jedoch pro Person und Monat 5.000 Euro mehr zur Verfügung. Wenn sich hier etwas ändern soll, sollten sich nicht nur die Politiker und Verbände, sondern auch die Angehörigen von heute, von denen viele die Bewohner von morgen sind, zu Wort melden und einmischen. Wir.

Kommentare:

  1. Ein wirklich toller Beitrag.
    Das ist und bleibt meine größte Sorge, dass ich in einer Pflegeeinrichtung lande. Zur Zeit hab oder bin ich mit meinem betreuten (ambulanten) wohnen sehr zufrieden und werde so lange irgend möglich in meinen eigenen vier Wänden bleiben.
    Der nächste Schritt oder die nächste Stufe ist bei mir entweder ein Hospiz oder der Tod - aber ich hoffe es dauert noch eine (kleine) Weile. Doch ist die Gesundheit erst einmal angegriffen, schreitet, was auch immer, der "Verfall" recht zügig voran - das ist ein Teil des Lebens.
    Jeder sollte für sich hoffen, dass das so spät wie irgend möglich, eintritt.
    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag!
    Liebe Grüße Ede

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    1. Lieber Ede,
      ich freue mich, dass dir mein Beitrag gefallen hat. Ich verstehe deine Sorge, in ein Heim ziehen zu müssen. Ich bin mir für mich selbst auch nicht sicher, ob ich irgendwann dort den Rest meines Lebens verbringen muss. Wir werden so oder so den Kopf oben halten und auf keinen Fall die Ohren hängen lassen, richtig? ;-)
      Liebe Grüße, Ina

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