Dienstag, 24. Januar 2017

Alternative Fakten

Ich freue mich, wenn ich Neues lernen kann. Heute habe ich - wie der Rest der Welt - eine neue Wortschöpfung gelernt: alternative Fakten.

Das Internet hat es jedenfalls sofort aufgegriffen und unfassbar viel Kreatives dazu geboten. Das klingt doch gut, alternative Fakten. Jedenfalls entschieden besser als "Lüge" oder "Unwahrheit", alternative Fakten tönt nicht ein bisschen negativ.

Sprache ist Macht und mit solchen Wortkombinationen erschaffen wir Realitäten. Alternative Fakten eröffnen Beliebigkeitshorizonte. Es gibt nicht mehr die eine wahre Wahrheit, sondern es gibt eine These und alternative Fakten dazu, möge die Gegenseite (alternativ spaltet in "das Eine" und "das Andere" mindestens, wenn nicht plus x) mal fix das Gegenteil beweisen.

Das Rennen ist jetzt freigegeben für alle. Es gilt: Wer die besten alternativen Fakten aufweisen kann, bekommt den Pokal. Honi soit qui mal y pense (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt).  Erlaubt ist, was gefällt und jetzt wird die Sache spannend, denn jetzt gilt es nicht mehr, die Wahrheit aufzuspüren, denn ab sofort zählt sie nur als eine Alternative unter vielen Varianten, ab jetzt wird nicht mehr nur der Regen gebogen, sondern jetzt gewinnt, wer die alternativen Fakten mit den alternativ mehr Vertretern aufweisen kann. Weiß ist das neue Schwarz, Alternativen die neue Wahrheit. Früher war das auch schon vorhanden. Es klang ein bisschen, wie: „Niemand hat, die Absicht, eine Mauer zu bauen." "Die Renten sind sicher." "Ich war es nicht." "Keiner hat es gesehen." "Niemand hat das angeordnet." "Uups, I did it again." etc. pp.

Ich bin gespannt, wann es auftaucht. Zwischen allen Alternativen wird es dann erscheinen. Beim letzten Mal war es ein Kind. Nein, nicht das, was Sie postweihnachtlich zu denken versucht sind. Ein anderes (= bitte ab sofort alternative Fakten beachten!!! Sie wollen doch nicht aus dem Raster fallen, oder?) Das alternative Kind, das ich meine, hat gesagt: "Der Kaiser ist ja ganz nackt!" Und mit einem Mal sind die ganzen alternativen Faktengewänder zusammengefallen, sind jedem die Scheuklappen abgeblättert. Jo, der Kaiser war nackt. Im Märchen erfahren wir nichts von weiteren alternativen Fakten.  An der Stelle isses im Grunde aus. Aber es ist halt auch nur ein Märchen. Oder????

Sonntag, 22. Januar 2017

Alt und hilflos? Das geht uns irgendwann alle an



Wie wollen wir im Alter leben? Die Angst vor dem Lebensabend im Pflegeheim



Dieses Thema gehört zu den meistverdrängten: Wir möchten uns keine Gedanken über das Ende unseres Lebens, aber auch nicht über den letzten Abschnitt davor machen. Die Vorstellung, körperlich, geistig oder psychisch so viel Unterstützung zu benötigen, dass diese – warum auch immer – nur in einer entsprechenden Einrichtung gewährleistet werden kann, macht Angst. Aber ist die weit verbreitete Sorge, in einem Seniorenheim, einer Residenz oder einem Haus mit einem ähnlich wohlklingenden Namen schlecht versorgt zu werden und vor sich hin zu dämmern, berechtigt? Oder sind das Übertreibungen von Leuten, die in allen Dingen das berühmte Haar in der Suppe finden? In den letzten Jahren haben sich Meldungen über Altenheime, in denen die Bewohner sträflich vernachlässigt wurden, gehäuft. Manche dieser Heime wurden sogar zwangsweise geschlossen, weil ihre Betreiber auch trotz mehrmaliger Aufforderungen der Heimaufsicht ihren Pflichten nicht nachgekommen sind. Es fehlte an allem: an der richtigen Medikamentengabe, an altersgerechter Ernährung, an der Flüssigkeitszufuhr, der nötigen Hygiene, der Körperpflege und der menschlichen Zuwendung. In der Regel gab es hierfür wirtschaftliche Gründe: Die meisten Heime werden nicht staatlich, sondern durch Gesellschaften betrieben. Es geht schlicht um Gewinnmaximierung, die man wie in fast jeder Branche am leichtesten mithilfe von Personalkosteneinsparungen erzielt. Pflegeheime sind da keine Ausnahme.
Ich habe aus der Nähe selbst Erfahrungen mit Altenheimen gemacht. Gute und schlechte. Aber darum soll es hier nicht gehen, denn meine Erlebnisse und Beobachtungen sind subjektiv und deshalb nur begrenzt aussagekräftig.
Doch es stellt sich noch eine weitere Frage: Tun wir das Richtige, wenn wir die Gedanken an eine spätere Pflegebedürftigkeit und die Versorgung in einem Heim verdrängen und damit umgehen wie mit einer ansteckenden Krankheit? „Das trifft doch nur andere, aber mich doch nicht!“ Die Antwort fällt kurz und knapp aus: Die Vogel-Strauß-Haltung hat noch nie weitergeholfen.

Den Kopf in den Sand stecken – das ist nur vorübergehend beruhigend


Um sich vor Augen zu halten, wie wahrscheinlich solch ein Szenario, selbst pflegebedürftig zu sein und in einem Pflegeheim betreut zu werden, an den Einzelnen heranrücken kann, werde ich (mal wieder) Daten heranziehen: Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Ende 2013 2,63 Millionen Bürger nach dem Pflegeversicherungsgesetz als pflegebedürftig eingestuft worden waren. Damals gab es zum selben Zeitpunkt in Deutschland 80,8 Millionen Einwohner; bei 3,25 % dieser Einwohner gab es demnach einen Pflegebedarf. Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch aus – wenn nicht aufgrund der Alterung der Bevölkerung ihre Zahl seit Dezember 2011 innerhalb von nur zwei Jahren um 125.000 angestiegen wäre. Auch für das Jahr 2015 liefert das Bundesamt Zahlen: 2,86 Millionen Menschen galten als pflegebedürftig und damit 230.000 mehr als noch zwei Jahre zuvor. Ein Trend, der anhalten wird, denn die geburtsstarken 1960-er Jahrgänge stehen als die künftigen Pflegefälle gewissermaßen in den Startlöchern. 783.000 Menschen wurden im Dezember 2015 in Pflegeheimen betreut. Der 2016 erschienene „Pflegereport 2030“ der Bertelsmann-Stiftung geht sogar davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen im Jahr 2030 bei 3,4 Millionen liegen wird. Investoren haben die Zeichen der Zeit längst erkannt: Pflegeheime aller Preisklassen schießen wie Pilze aus dem Boden.
Von der Situation sind nicht nur die Pflegebedürftigen selbst, sondern auch ihre Angehörigen betroffen, sei es als Pflegende oder als Menschen, die entscheiden müssen, in welchem Heim die Eltern oder der Partner ihr Leben fortsetzen sollen oder ob ein ambulanter Pflegedienst eingeschaltet wird.

Die Zuzahlung – damit muss gerechnet werden


Die oben genannte Bertelsmann-Studie brachte noch mehr Erkenntnisse: Die Höhe der monatlichen Zuzahlung, die von den pflegebedürftigen Bewohnern selbst aufgebracht werden muss, klafft zwischen den einzelnen Bundesländern deutlich auseinander. Auf der Grundlage der bis zum 30. Dezember 2016 gültigen Pflegestufen betrug 2014 für die Pflegestufe I die eigene Zuzahlung in Sachsen durchschnittlich nur 747 €, während im teuersten Bundesland Nordrhein-Westfalen 1.668 Euro aufgebracht werden mussten. Angesichts der durchschnittlichen Einkommens- und Vermögenssituation ergibt sich, dass z. B. in Nordrhein-Westfalen sich über 80 Jahre alte Menschen aus eigener Kraft nur zehn Monate einen Heimplatz leisten können. Danach werden je nach Belastbarkeit ihre Kinder zur Kasse gebeten; ist hier nichts zu holen, zahlt der Staat.

Mehr Geld = mehr Qualität?


In den Zeiten, als man in Deutschland noch an die Einstufungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) glaubte, gab es nur großartige Heime: Fast alle hatten eine Note mit einer 1 vor dem Komma, die man stolz auf der Heimhomepage präsentieren konnte. Der bundesweite Durchschnitt lag bei einer erstklassigen 1,2. Doch dann wurde immer öfter Wasser in den Wein gegossen: Es mehrten sich Berichte über Einrichtungen, in denen Bewohner stundenlang in vollen Inkontinenzwindeln lagen, falsche Medikamente bekamen, ihnen ungenießbares Essen vorgesetzt wurde oder sie einfach sediert wurden, damit sie tagsüber möglichst wenig Arbeit machten. Die Reportagen wurden sowohl  von öffentlich-rechtlichen als auch privaten Fernsehsendern gemacht. Die MDK-Noten wurden so unglaubwürdig, dass sie seit dem 1. Januar 2016 nicht mehr erhoben werden. Bis Ende 2017 soll von einem eigens eingerichteten Ausschuss ein brauchbares Qualitätsprüfungs- und Veröffentlichungssystem für Pflegeheime ausgearbeitet werden. Bis dahin dürfen die Heime die bisherigen Noten weiter verwenden und in großer Zahl suggerieren, vorbildlich zu arbeiten.
Sind die teuren Pflegeheime die besseren? Angesichts der seltsamen Vergabe der Pflegenoten wohl nicht. Doch wie kann man herausfinden, welche Einrichtung empfehlenswert ist? Das ist sehr schwer: Das Bundesgesundheitsministerium hat das Online-Dokument „Wie erkenne ich ein gutes Heim?“ zurückgezogen, das gilt auch für den „Ratgeber zur Pflege“.  Für ein mittleres Beben sorgten im Juni 2016 allerdings die Recherche-Ergebnisse des journalistischen Portals Correctiv: Sie zeigten, dass 60 % der Heime ihre Bewohner nicht ausreichend versorgen. In Bayern und Rheinland-Pfalz fielen sogar 80 % der Einrichtungen negativ auf, in Brandenburg nur 40 %, was immer noch zu viel ist. Beruhigend ist das alles nicht.
Bis Ende 2016 hatte die Bertelsmann-Stiftung mit der „Weißen Liste“ ein Internet-Informationsportal zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe Interessierte Pflegeheime miteinander vergleichen konnten. Die Grundlagen bildeten die Daten des MDK, die allerdings nur noch für die Bereiche Pflege und Medizin ausgewertet und aufbereitet wurden. Unwichtigere Faktoren wie z. B. die Schriftgröße der Speisepläne, mit denen der MDK ungünstige Kriterien ausgleichen und die Prüfnote verbessern konnte, sind für die Weiße Liste aus der Bewertung herausgenommen worden. Ergebnis: Nur 11 % der Heime schafften die 100  %-Marke. Mit dem 1. Januar 2017 hat der MDK der Bertelsmann-Stiftung allerdings keine aktuellen Berichte, die im Rahmen von üblichen Heimkontrollen erstellt wurden, mehr zur Verfügung gestellt, sodass diese Hilfestellung bei der Suche nach einem guten Heim derzeit nicht existiert. Ein gutes Heim zu finden bleibt also zu einem großen Teil Glückssache, denn eine Besichtigung vor dem Einzug liefert für einen Pflege-Laien kaum brauchbare Erkenntnisse.

Und nun?


Es ist nicht hinnehmbar, dass in einem Land wie Deutschland so mit Menschen umgegangen wird, wie es in zahlreichen Pflegeheimen üblich ist. Dass der Schatten der schlechten Heime auch auf die guten fällt, ist ein unschöner und ärgerlicher Nebeneffekt. Die Sorge, als hilfsbedürftiger alter Mensch sein Leben unter belastenden und schädigenden Bedingungen in einem Pflegeheim zu Ende zu bringen, ist nicht unbegründet. Als Angehöriger eines Heimbewohners hilft da nur eine regelmäßige Präsenz vor Ort, um zu bemerken, wenn etwas nicht „rund“ läuft und entsprechend einzuschreiten. Wenn Kritik nicht hilft, dann ist die Heimaufsicht der nächste Ansprechpartner. Auch die Politik ist gefordert: Die Kommerzialisierung der Altenpflege hat in vielen Fällen zu niedrigen Gehältern des Personals und dauerhafter personeller Unterbesetzung geführt. Das ist billig, aber eben auch gefährlich. Angehörige können, wenn sie solche Missstände beobachten, versuchen, die Landtagsabgeordneten ihres Wahlkreises ins Boot zu holen. Was schief läuft, sollte ausgesprochen werden. Auch an der Bundespolitik gibt es einiges zu bemängeln: Der aktuelle Bundesgesundheitsminister Gröhe legt seinen Fokus auf die Palliativversorgung und Sterbebegleitung, die Verbesserung der Pflege hat bei ihm erstmal Pause. Allerdings bleibt todkranken Heimbewohnern der Weg ins Hospiz auch künftig verwehrt: Formal sollen zwar die Heime den allerletzten Weg mit abdecken, Hospizen stehen für die Betreuung ihrer Patienten jedoch pro Person und Monat 5.000 Euro mehr zur Verfügung. Wenn sich hier etwas ändern soll, sollten sich nicht nur die Politiker und Verbände, sondern auch die Angehörigen von heute, von denen viele die Bewohner von morgen sind, zu Wort melden und einmischen. Wir.

Freitag, 13. Januar 2017

2016 – ein Jahresrückblick

Januar

Die Silvesternacht von Köln zum Jahreswechsel 2015/16 versetzt ganz Deutschland in einen Schockzustand: Sexuelle Übergriffe durch überwiegend nordafrikanische Kriminelle heizt die Flüchtlingsdebatte erneut an und spielt vor allem den Rechtspopulisten in die Karten. Die Willkommenskultur wird wieder einmal infrage gestellt und die Überlegung, wie man mit kriminellen Flüchtlingen umgehen soll, ebenfalls. Die schlecht aufgestellte Polizei und die insgesamt marode Personalstruktur der Behörden werden ebenfalls zum Gegenstand der gesellschaftlichen Diskussion – was muss, was kann und was soll ein Staat leisten, um seine Bürger zu schützen? Brauchen wir mehr Sicherheit, mehr Überwachung oder einfach nur weniger Flüchtlinge? Zurück bleibt Ratlosigkeit und der Wille, es in Zukunft besser zu machen.

Februar

In Bad Aibling sterben zwölf Menschen bei einem Zugunglück, weil der verantwortliche Fahrdienstleiter in der Dienstzeit mit seinem Handy beschäftigt war. Menschliches Versagen als Grund für tote Menschen – und die Frage, wieso ein Sicherheitssystem von einer einzigen Person außer Kraft gesetzt werden kann. 

März

Die rechtspopulistische AfD kann bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 24,2 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Damit ziehen die Wut- und Besorgtbürger in die Landesregierung ein – und sorgen im Rest der Republik für Angst im Hinblick auf die nächste Bundestagswahl. Die innerparteilichen Querelen und das offen lückenhafte Parteiprogramm ist auch für diejenigen kein Hindernis, die die AfD außen vorlässt – laut Umfragen sind unter den AfD-Wählern überdurchschnittlich viele Rentner: Ausgerechnet hier haben die Rechtspopulisten aber gar kein Konzept für den Fall, dass sie bei einer Wahl die Regierung mitgestalten.
In Brüssel sorgt der Islamische Staat IS mit einem Terroranschlag für über 30 Tote und viele Verletzte. Der Haupttäter ist europäischer Muslim – und das Netzwerk um ihn herum ist ebenfalls europäisch geprägt. Viele fragen sich, ob Integration überhaupt möglich ist und – falls ja: Wie? 
Der Terror wird auch jetzt wieder genutzt, um linken und rechten Agitatoren eine Bühne zu bieten – und wie so oft vorher sind es gerade die Plattformen wie Twitter, Instagram und Facebook, die sich in ihrer Abartigkeit und ihrer Hetze gegenseitig überbieten. Dass dabei die Toten und die Tragödien dahinter in der Nichtbeachtung untergehen, ist vielen egal – solange sie den eigenen Zwecken dienen, ist alles erlaubt.
Last, but not least: Das Erdogan-Gedicht wird veröffentlicht. Und der Chef vom Bosporus tobt.

Juni

Good bye Britain – der Brexit beschließt den Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Ob damit jetzt der Weg in die Bedeutungslosigkeit und Isolation droht, kann niemand so genau sagen. Sicher ist aber: Auch hier ist die Entscheidung eines ganzen Volkes nicht immer zum Wohl des Landes. Denkzettel-Abstimmer zeigen deutlich, dass Volksbefragungen oft nicht zielführend sind. Wie sonst lässt sich rechtfertigen, dass in einer so wichtigen Frage die Stimme eines Wirtschaftskriminellen genauso viel zählt wie die eines Wirtschaftsexperten?
Das Problem nach der ganzen Aufregung: Weder Nigel Farage noch Boris Johnson können ihren Anhängern erklären, wie der Brexit denn nun überhaupt bewerkstelligt werden soll – es wird nicht das erste und nicht das letzte Mal gewesen sein, dass rechtspopulistische Wähler am Ende gar nicht das bekommen, was ihnen versprochen wurde. 

Juli

Der nächste IS-Terror in Europa: In Nizza rast ein LKW in eine mit Menschen gefüllte Strandpromenade. Täter auch hier ein europäischer Muslim – mit tunesischen Wurzeln. Erneut ein Anschlag im Zeitalter der politischen Terrorakte und wieder wenden sich besorgte Bürger gegen das Establishment. Dass das schon beim Brexit schiefgegangen ist, ist für die meisten eine gedankliche Transferleistung, die sie nicht erbringen wollen oder können. Daher verwundert es wenig, wenn dann auch in Frankreich eine Marine Le Pen Zulauf bekommt. 
Die Attentäter rechtfertigen ihren Terror wie überall auf der Welt mit religiösem Geschwätz. Inwieweit das glaubwürdig ist, entzieht sich einer genauen Betrachtung: Niemand der toten Attentäter kann dazu je befragt werden, weder in Belgien, noch in Frankreich – und auch nicht später in München und Berlin.
In der Türkei versucht das Militär, gegen Präsident Erdogan zu putschen. Nicht der erste Putschversuch in der Türkei – aber sicher einer der blutigsten Versuche. Zahlreiche Tote und im Nachspiel große Umbauten im Verwaltungsapparat sind die direkte Folge – der Ausbau der demokratischen Türkei zu einer präsidialen Diktatur in den Monaten danach die indirekte Folge. 
Kaum war der Schrecken in der Türkei vergessen, gab es in München einen Amoklauf eines 18-jährigen Deutsch-Iraners. Die Waffe aus dem Darknet, ein Hass auf die Gesellschaft insgesamt und ein Leben ohne Teilhabe an Erfolg und Wohlstand sind die Zutaten, die Ali David Sonboly zum Mörder werden lassen. 

November

Es hatte sich lange angedeutet, doch so richtig glauben wollte es niemand: Donald Trump wird zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt und löst damit Barrack Obama ab. Niemand weiß genau, was der politisch unerfahrene Trump in den nächsten Jahren weltpolitisch auf die Beine stellen wird – aber eins ist sicher: Schlimmer als unter Obama kann es fast nicht werden. 
Allen romantischen Verklärungen zum Trotz sprechen die Fakten gegen „yes, we can“-Barrack. Schließlich hat er als einziger Präsident der US-Geschichte über zwei Amtszeiten Kriege geführt und dafür gesorgt, dass im Nahen Osten der Boden brennt: Afghanistan und Libyen kaputt, Irak und Syrien am Boden und im Jemen droht der nächste Krieg. Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen, die NSA-Geschichte fiel weitgehend unter den Tisch und mehr Menschen als je zuvor wurden in den USA durch private Handfeuerwaffen getötet. 

Dezember

Der IS-Terror hat Deutschland erreicht: Ähnlich wie in Nizza steuert ein LKW in eine Menschenmenge. Dass es diesmal ein Weihnachtsmarkt anstelle einer Strandpromenade war, mag an der Jahreszeit liegen. Allen anfänglichen Ermittlungspannen zum Trotz – der Täter Anis A. wird wenig später in Italien gestellt, im Rahmen der Festnahme aber erschossen. Auch hier ist keine Befragung zu Motiven, Hintermännern und Finanzierungen des Terrors möglich – das ist aber auch irrelevant, denn gebetsmühlenartig wird hier wieder die gleiche Diskussionsspirale um Integration, Flüchtlinge, den Islam insgesamt und das Versagen von Angela Merkel losgetreten. 
Immerhin: Die Silvesterübergriffe von Köln wiederholen sich dank organisierter Polizeipräsenz nicht. Da kann das Jahr 2017 eigentlich nur besser werden.