Montag, 31. Oktober 2016

Erbärmlichkeit statt Erbarmen

Ich habe diese Meldung wieder und wieder gelesen. Und doch lässt sie mich fassungslos zurück. Ein alter Mann bricht im Vorraum einer Bank zusammen. Vier Menschen betreten nach ihm diesen Raum, erledigen, was zu erledigen ist. Und gehen. Erst der fünfte Mensch ruft den Rettungswagen. Zu spät. Der Mann stirbt im Krankenhaus.

Fünf Menschen. Nur einer hilft. 



Sind wir eine Gesellschaft der „Hilflosen“ geworden? 

Eine Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selber hilft, einem anderen aber Hilfe verweigert? 

Bis hin zum Tod? 

Zeigen Menschen so wenig Erbarmen, dass sie tatsächlich so erbärmlich sein können – ohne Blick für den anderen, ohne Zuwendung, ohne Beziehung zu dem, was sie umgibt?

Anders kann ich es mir nicht erklären. Und ich stelle mir die Frage: 
Wie beziehungslos muss jemand sein, um achtlos über einen anderen hinwegzusehen? 

Sich selbst geschäftig haltend, um nicht mit dem anderen beschäftigt zu sein? 
Wie wenig muss dieser Mensch in Beziehung zu sich selber stehen, zu anderen, zu der Welt um ihn herum, um so achtlos die Hilflosigkeit eines Menschen zu ignorieren? 

Wir leben in einer Welt, in der augenscheinlich einige Menschen sich selbst das Heiligste sind. Das eigene steht ihnen näher, als das soziale Bedürfnis eines Kollektivs, wie beispielsweise die Grundsätze des Miteinanders einer lebendigen Gesellschaft. Sie halten das eigene hoch, das der anderen wird untergeordnet. Sie sind zu Egoisten geworden. Im schlechtesten Sinne. Für das eigene, wird das Leiden des anderen in Kauf genommen. Es wird gezeigt auf andere, weil die es doch auch so machen, gewettert auf Länder, die Menschenrechte verletzen, jene verurteilt, die die Todesstrafe in einem ach so wunderschönen Urlaubsland der Deutschen wieder einführen wollen. Es wird weit weg in die Abgründe der anderen und dieser Welt geschaut, um nicht sich selber anzuschauen. Und vor den eigenen Füßen, auf dem Boden liegend stirbt ein Mann. Und statt sich zu erbarmen, werden diese Menschen einfach nur erbärmlich. 


Hinweis:
Dieser Text wurde von der  Journalistin Christina Schäfer verfasst.

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