Samstag, 20. Februar 2016

Facebook, Kinder und Eltern

Häufig sehe ich auf Facebook Profile von Kindern, deren Alter oftmals an einer gesunden, vernünftigen Umgangsweise mit sozialen Netzwerken und dem Internet allgemein zweifeln lässt. Immer mehr Eltern gestatten ihren Kindern, Profile bei sozialen Medien zu erstellen. Nicht selten sind es sogar die Eltern, die aus Stolz oder Profilierungsgier Profile ihrer Kinder erstellen, diese verwalten und das Leben der Kleinen ausleuchten.



Benötigt ein Kind schon ein Facebookprofil?


Das Netz wird heutzutage geradezu von den Profilen unter 12-Jähriger überflutet. Kleine Kinder plaudern aus dem Nähkästchen über Schule, Alltag und Leben. Sie tauschen sich mit Gleichaltrigen öffentlich über die neuesten Entwicklungen und Trends aus. In diesem Bereich unterscheidet sich die Interaktion kaum von der aus dem materiellen Leben. Viele Eltern haben diese Kommunikationsform schon vollends akzeptiert und erlauben ihren Zöglingen oftmals ohne wirkliche Vorbehalte, stundenlang vor dem Display zu hocken. Sie vergessen jedoch, dass die Grenzen, die sie den Kindern im Alltag geben, im Internet aufgehoben sind. 



Die Gefahren sozialer Netzwerke für Kinder werden verkannt


Die Vernetzung bei sozialen Netzwerken wie Facebook entreißt die Kinder ihrer gewohnten Umgebung. Sie sind öffentlich für alle sichtbar und können von allen möglichen Personen kontaktiert werden. Die Gefahren durch Kriminelle aller Art sind dramatisch erhöht. Außerdem können die Kinder mühelos Inhalte teilen, die sie noch gar nicht verarbeiten können. Pornografisches, ideologisches oder gewaltverherrlichendes Material kursiert auf sozialen Netzwerken wie warme Semmeln. Das Risiko von Verrohung oder Traumata ist sehr groß, wenn man nicht weiß, wie man mit den virtuellen Tücken umzugehen hat.



Wenn Eltern das Leben ihrer Kinder öffentlich machen


Eine andere Form von Preisgabe besteht darin, dass Eltern das Leben ihrer Kinder eigenmächtig auf sozialen Netzwerken hochladen. Mittlerweile werden sogar Säuglinge nicht mehr nur bei physischen Bekanntschaften vorgeführt, sie werden in jüngsten Jahren auch schon Teilnehmer am öffentlichen Leben, ohne dass sie es wissen. Mit schönen, lustigen oder peinlichen Bildern wird das Profil garniert, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Das Interesse der Kinder wird schlichtweg übergangen, da diese ein solches noch nicht ausgebildet haben können. Einwände gegen diesen Trend werden abgetan mit Aussagen wie: "Der kriegt doch davon eh nichts mit.", "Ist doch lustig!" oder "Was geht dich das an?". Bilder vom ersten Bad, vom ersten Toilettengang, ja sogar vom ersten Produkt im Töpfchen sind ein lustiges Bonbon für die Internetgemeinschaft und generieren mit Sicherheit eine Menge Klicks.



Haben Kinder keine Rechte?


Doch, haben Sie. Der Status als Kind enteignet das Kind nicht seiner Grundrechte. Auf den meisten Kanälen ist eine Zurschaustellung ohne Zustimmung der Abgebildeten strengstens verboten.  Das bedeutet, dass auch die Veröffentlichung der Privatsphäre Minderjähriger unter diese Prämisse fällt und dementsprechend behandelt werden sollte. Bei kleineren Kindern scheint man sich jedoch in einer legalen Grauzone zu befinden. Da sie ihren Unmut über das Verhalten der Eltern, der sich ohnehin wohl erst auf einer späteren Daseinsstufe entwickelt, nicht äußern und an die Öffentlichkeit tragen können oder wollen, sind auch den Behörden die Hände gebunden.



Eltern, achtet auf die Rechte Eurer Kinder!


Die Thematik liegt also bislang gänzlich in den Händen der Eltern. Ich denke, dass viele Eltern nicht unbedingt willentlich die Privatsphäre ihrer Kinder verletzen. Sie belassen sich vielmehr in dem Glauben, das Kind wäre ohnehin gleichgültig gegenüber solcherlei Handlungen. Das mag vielleicht sogar für den Moment stimmen, (muss es aber nicht), ab einem gewissen Alter werden die Kinder jedoch vermehrt in einen Bewusstseinszustand kommen, der ihnen das Verhalten ihrer Eltern offenbart. Hilfreich wäre in all diesen Fällen vielleicht die Frage, die sich jeder Erwachsene stellen sollte: Würde ich solche Veröffentlichungen über mich im Netz wollen?



Die Folgen bedenken!


Die Konfrontation mit der Preisgabe ihrer Intimsphäre könnte dann weitreichende Folgen haben. Wenn die Kinder irgendwann ein Alter erreicht haben, in dem sie über ein ausgeprägtes Ehr- und Selbstbewusstsein verfügen, könnten sie sich ob der intimen Einblicke schämen, die von den Eltern auf virtuellen Plattformen zur Schau gestellt wurden. Sie entwickeln einen Groll gegen die Eltern, fühlen sich verraten und werden vielleicht sogar von Gleichaltrigen wegen der Internetinhalte gemobbt. Zurückgezogenheit, Scham, Wut, Verzweiflung und Unverständnis über das Vorgehen der elterlichen "Vorbilder" könnten mögliche Folgen der frühkindlichen Preisgabe sein. Ich bin sicher, dass dies nicht im Interesse der meisten Eltern ist. 



Empathie hilft!


Wahrscheinlich müssen sich auch die Eltern mit der, medienhistorisch betrachtet, sehr jungen Plattform Internet erst noch vertraut machen und mit den Abgründen und Verlockungen arrangieren.
Ein erster Schritt ist ein Hineinversetzen in das Kind.

  • Was hätte ich damals, in der Pubertät oder im frühen Erwachsenendasein, von meinen Eltern gedacht, wenn sie mein Leben so rigoros vor der Öffentlichkeit ausgebreitet hätten? 
  • Was wären meine Sorgen, Ängste und Beschwerden gewesen? 
Denn eines ist sicher: Auch wenn die Kinder heutzutage noch kein Ventil haben, über das sie ihren Unmut ernsthaft äußern können, irgendwann wird ihr früher virtueller Abdruck Folgen für das Jugendlichen- und Erwachsenendasein haben.


Kommentare:

  1. Toll geschrieben LG Joni von kochjonis.blogspot.com

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  2. Vielen Dank für diesen Artikel. Die Sache mit den Fotos von Säuglingen ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Ich (etwas über 20) kann nur mit Kopfschütteln dem Umgang mit Privatsphäre im Internet begegnen. Ich würde nicht wollen, dass meine Eltern Fotos von mir ins Netz stellen, in denen ich zum ersten Mal aufs Töpfchen gehe. Leider scheinen sich vor allem junge Mütter keine Gedanken darüber zu machen, was sie ihren Kindern damit antun.

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