Mittwoch, 28. Oktober 2015

Gibt es so etwas wie eine Bildungsgerechtigkeit?



Nein, es soll jetzt nicht um das Thema gehen, um das es momentan praktisch ununterbrochen geht; dieses Thema, das mit „F“ beginnt und mit „lüchtlinge“ endet. Es soll um etwas gehen, das in Deutschland noch lange nicht verwirklicht wurde, aber viele Menschen schon früh in ihrem Leben beschneidet, wenn nicht sogar ausgrenzt: die Verwirklichung der Bildungsgerechtigkeit.

 "Für mich steht das Thema Bildungsgerechtigkeit im Fokus" 



Diesem Zitat aus der Rede von Bundesbildungsministerium Johanna Wanka am 10. Septmeber 2015 vor dem Bundestag kann man nur zustimmen. 
Wahrscheinlich atmet jetzt mancher tief durch, weil das Thema Bildungsgerechtigkeit doch immer wieder durch die Medien rauscht und man es fast nicht mehr lesen oder hören mag: Diverse Studien wie IGLU oder TIMSS überbieten sich gegenseitig mit ihren Erkenntnissen über Mathematik-, Lese- und andere Kompetenzen. Die seit Jahren viel zitierte PISA-Studie ist da breiter aufgestellt und kritisiert seit ihrem Start vor 15 Jahren die Bildungsungerechtigkeit zwischen den sozialen Schichten und die ungleiche Verteilung von Chancen – von Anfang an.

Ganz klar: Es ist nicht zu erwarten, dass der wirtschaftlich privilegiertere Teil unserer Gesellschaft aus purer Freundlichkeit damit aufhören wird, den eigenen möglicherweise nur durchschnittlich begabten Nachwuchs nicht mit teurer Nachhilfe zu guten Schulnoten zu bringen. Auch, dass zahlungskräftige Eltern ihren Kindern mithilfe einer Klage einen Studienplatz verschaffen, den diese wegen des NC und ihrer leider nicht ganz ausreichenden Abi-Note sonst nicht oder sehr viel später bekommen haben, kann ich nachvollziehen. Klar, wenn meine Kinder in dieser Situation wären und ich ihnen den Zutritt zur Uni so ermöglichen könnte, täte ich das wohl auch. Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass Eltern zugunsten einer „allgemeinen“ Gerechtigkeit auf diesen Schritt verzichten.

Wer hilft beim Abbau der Bildungsungerechtigkeit?


Aber wer da doch neutral agieren und diese Ungerechtigkeit bekämpfen sollte, ist der Staat. Ihm ist individueller Egoismus fremd. Und mit „dem Staat“ meine ich nicht nur die Bundesregierung. „Der Staat“ fängt bereits mit denen an, die ihn vor Ort verkörpern. Zur Verdeutlichung ein Beispiel, das ich als Mutter erlebt habe: Eine der früheren Schulen meiner Kinder bot für Spanisch-Schüler einen Aufenthalt in Nicaragua an. Dauer: etwa sechs Wochen. Kosten: ca. 2.300,-- €, nagelt mich nicht auf 100 € mehr oder weniger fest. Diese Schule steht in unserem Wohnort, einer Kleinstadt mit einem sozial vergleichsweise stabilen Hintergrund: Die kommunalen Finanzen sind im Großen und Ganzen geordnet, die Arbeitslosigkeit gering, der Anteil der Besserverdienenden relativ hoch. Es machte fast schon einsam, als Elternvertreterin darauf hinzuweisen, dass es nicht geht, etwas in dieser Preiskategorie anzubieten, ohne gleichzeitig auch Schülern aus finanziell weniger gut gestellten Familien diese Reise durch Zuschüsse oder Ähnliches zu ermöglichen. An einer staatlichen Schule. Ein Unding, egal, wie man es dreht und wendet. Es half nichts, es blieb alles beim Alten.

Ich hatte noch etliche Erlebnisse dieser Art, will es aber bei diesem einen Beispiel bewenden lassen.
Wie froh war ich am letzten Wochenende, dass ich keine Schulkinder mehr habe, als ich Folgendes in unserer Tageszeitung las: Die Stadt Hannover möchte bis 2025 alle 108 Schulen mit WLAN ausrüsten. Das ist doch erstmal eine gute Nachricht. Wundern kann man sich dann aber über die „Feinheiten“: Alle Schüler sollen dann über ein Tablet verfügen, das genau wie die Taschenrechner per Sammelbestellung angeschafft wird. Pro Tablet hat die Stadt 470,-- € veranschlagt, die von den Eltern der Schüler aufgebracht werden sollen. Die Lehrkräfte, die dann ebenfalls alle mit demselben Modell arbeiten sollen, erhalten die Geräte für lau. Ich mag mir das gar nicht für Familien vorstellen, die mehrere Kinder haben und diese Kosten dann möglicherweise für sie alle gleichzeitig aufbringen müssen. Noch relativ verhalten kommen die ersten Gegenstimmen, aber ich habe mich gefragt: Wie kommt man überhaupt auf so eine realitätsferne Idee?

Hat der Bund die besseren Ideen?


Wenn die soziale Bildungsgerechtigkeit schon auf kommunaler Ebene nicht rund läuft, wie sieht es dann beim Bund aus? Seit dem 1. August 2010 ist das „Gesetz zur Schaffung eines nationalen Stipendienprogramms (Stipendienprogramm-Gesetz)“ in Kraft, das unter dem Begriff „Deutschlandstipendium“ weit besser bekannt ist. Das Prinzip: Der geförderte Student erhält einkommensunabhängig monatlich 300,-- €, die hälftig aus dem Bundeshaushalt sowie aus von den Hochschulen eingeworbenen Drittmitteln, also von privaten Geldgebern, stammen. Die Förderung setzt herausragende schulische (bei Studienanfängern) oder studentische Leistungen und ein soziales Engagement, das auch im familiären Bereich liegen kann (z. B. Pflege von Angehörigen), voraus. Bei der Antragstellung wird auch berücksichtigt, wenn Studierende aus Elternhäusern kommen, in denen beide Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss erreicht haben. Ein erstes Anzeichen, dass an dieser Stelle für Bildungsgerechtigkeit gesorgt wird? Nicht zwangsläufig.
Immer wieder wurde kritisiert, dass das Deutschlandstipendium Studierende aus sog. „bildungsfernen Schichten“ wegen seiner hohen Anforderungen benachteilige:  

  •  Menschen, die neben dem Studium Geld verdienen müssen, tun dies sehr oft zulasten der guten Noten. Da hilft dann auch das BAföG nicht unbedingt weiter: Viele Studenten erhalten es nicht, weil das Einkommen ihrer Eltern die gesetzte Grenze leicht überschreitet.

  • Studenten, deren Eltern keine Akademiker sind, haben es schwerer, sich an der Hochschule zu orientieren und werden deshalb leistungsmäßig ausgebremst.

  • Das erwünschte gesellschaftliche Engagement ist für Studenten, die aus einem familiär günstigen Umfeld stammen, leichter zu erbringen.

Etwas, das nicht nur für das Deutschlandstipendium, sondern für alle Stipendien gilt: In Familien aus „bildungsfernen Schichten“ hat niemand Erfahrung damit, einen Stipendienantrag zu schreiben.
Wie sich dieser und die vorangegangenen Faktoren auswirken, hat der Studierendensurvey der Uni Konstanz gezeigt: Von den Studenten, die als „Arbeiterkinder“ die Hochschule besuchen, erhalten nur 2,1 % ein Stipendium; Kinder von Akademikern werden mit einem Anteil von 5,2 % mit einem Stipendium unterstützt – obwohl es finanziell nicht nötig wäre. Bemerkenswert ist auch, dass mit besseren Noten dieser Unterschied noch deutlicher wird: Unter den Leistungsträgern erhalten 14 % der Akademikerkinder ein Stipendium, aber nur 7 % der studierenden Arbeiterkinder.


Ich habe leider keine Statistik der Bundesregierung gefunden, aus denen die konkrete Verteilung des Deutschlandstipendiums anhand sozialer Eckdaten hervorgeht. Die Mühe wird man sich dort vermutlich auch nicht mehr machen: Aufgrund der schlechten Nachfrage wurden die Haushaltsmittel gekürzt, da nur 0,76 % aller Studenten ein Deutschlandstipendium erhalten.
Man darf gespannt sein, wie der Staat diesem Problem in Zukunft begegnen will. Die Bildungschancen sind auch 15 Jahre nach der ersten PISA-Untersuchung noch immer stark von der sozialen Herkunft abhängig.
                              

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