Dienstag, 20. Oktober 2015

Deutschland, quo vadis?

Staunend saß ich am 18.10.2015 vor dem Fernseher und sah mir Polittalk im Gasometer (Günther Jauch) an. Da sitzt ein ehemaliger Gymnasiallehrer für Sportwissenschaft und Geschichte (!!!) und wettert, dass sich die Balken biegen. Nun ja, die Sendung hieß "Pöbeln, hetzen, drohen - wird der Hass gesellschaftsfähig?", aber soetwas?
Nachdem Herr Höcke die tiefe Liebe zu seinem Land, deretwegen er auch in die Politik gegangen sein will, bekundet hatte, legte er die Deutschlandflagge über die Sessellehne und schaute stolz. Die Fahne als das "zentrale Symbol unseres Landes" soll zeigen, dass die Partei, die er vertritt (AfD), die Stimme des Volkes sei. Statt hier die Sendung zu kommentieren, verweise ich auf den Link http://ow.ly/TDlYQ, der zur Sendung führt. Dass Herr Jauch auf die Plattitüden des „Volksvertreters“ nicht weiter einging, empfand ich als äußerst professionell. Zeigte es doch, dass er als Gastgeber, Journalist und eben Moderator (lateinisch; von moderare, „mäßigen“, „steuern“, „lenken“) dieser Sendung Neutralität wahren wollte. Erschreckt hat mich jedoch, dass unser derzeitiger Bundesjustizminister Heiko Maas von der SPD der einzige war, der den Phrasen des AfD-Vertreters etwas entgegenzusetzen hatte, was er allerdings pointiert, intellektuell und äußerst treffsicher tat. Insgesamt machte mich die Sendung deshalb sehr nachdenklich, weil sich mir der Eindruck aufdrängt, dass im Rückblick auf diese Talkrunde vor allem Erinnerungen an diesen Herrn Höcke bleiben, der das Gespräch, wo er nur konnte, torpedierte und für seine Parolen missbrauchte. Es tröstet mich dabei nur wenig, dass er sich gerade sowohl durch die geäußerten Inhalte als auch die Art und Weise deren Präsentation selbst disqualifizierte.

Er ist wieder da

Mein Fehler war wohl, dass ich am 19.10. dann gleich noch den Film „Er ist wieder da“ schaute. Ich las und hörte das Buch, also war der Film einfach fällig. Aber dass er mich derart herunterziehen würde, hätte ich nicht erwartet. Der für einen Montag überdurchschnittlich gefüllte Kinosaal zeigte, dass dieser Film das Volk anzieht, auch jene, die das Buch mit Sicherheit nicht lasen. Viele, die vielleicht das Hörbuch hörten, haben es offenbar nicht verstanden. Der Film hat zwei Stellen, an denen man schmunzeln kann, lustig ist er dennoch nicht. Er zeigt nämlich in Bildern, was schon im Buche steht: es/ er kann jederzeit wiederkommen. Der auferstandene Führer hat schnell erkannt, dass die Zeichen für einen Rechtsruck auf Hellgrün stehen, und das sollte uns erschrecken. Der einzige Unterschied zur deutschen Geschichte besteht meines Erachtens in der Tatsache, dass wir in einem funktionierenden demokratischen Staat leben, während die Weimarer Republik eine parlamentarische Demokratie in Kinderschuhen war. Die Bedingungen, die zur Machtergreifung Hitlers führten, sind aber erschreckend ähnlich: Das Volk hat keine Lust mehr auf Politik, fühlt sich unverstanden und unvertreten, und ergeht sich in diffusen Ängsten. Dabei spielt den „Volksvertretern“ der AfD nun die Flüchtlingspolitik viel Volk in die Hände, das nun endlich einen Sündenbock für die eigenen Unzulänglichkeiten, Schwächen, ungenutzten Chancen und die Lebenslügen der eigenen Biografie hat. 

Und nun?

In erster Linie schauen sich alle erst einmal fassungslos an. Die Politiker, die momentan offenbar sehr mit sich selbst beschäftig sind, versuchen die zu beruhigen, die langsam Angst bekommen. Die Medien reagieren unterschiedlich und sind offenbar auch nicht sicher, was sie wie interpretieren sollen. Das ist ja auch schwierig in Zeiten, in denen die Auflage/ Einschaltquote zählt, obwohl es wohltuende Ausnahmen einer sachlichen und vielseitigen Berichterstattung gibt! Und das Volk geht auf die Straße und schreit das Motto der Montagsdemonstrationen heraus. Offenbar ist vergessen, dass dieses Motto ein wirklicher Aufschrei eines Volkes war, das unter der Diktatur litt. In der Tat musste man anfangs Sorge haben, dass die DDR-Regierung sich den Tian’anmen-Platz zum Vorbild nimmt, um das Volk klein zu kriegen. Es kam anders und das ist gut so. Nun wird ausgerechnet dieser Ausruf der Selbstbehauptung eines sich von Diktatur befreien wollenden Volkes dazu missbraucht, das gebrüllte, in die Diktatur führende Gedankengut der Unbelehrbaren lediglich akustisch zu untermalen, und wird damit zur hohlen Phrase gemacht. Das schmerzt ebenso wie die Beobachtung, dass „besorgte Bürger“ damit neuerlicher Fremdbestimmung den Weg ebnen in der Hoffnung, selbst auf der Seite der Mächtigen zu stehen, die andere herabsetzen, um sich selbst zu erhöhen. Selbsterhöhung durch wirkliche, eigene Leistung und Güte ist – zugegeben – schwieriger und mühevoller, denn dabei unterlaufen Fehler, denen sich zu stellen, Kraft und Mut fordert. Schaue ein jeder in den Spiegel und frage sich, ob das, was er da als sein Gegenüber erblickt, dasjenige ist, was er denen, die ihn lieben, zeigen wollen würde!

Kommentare:

  1. Hi Frank,
    ach, der Höcke verdient null Aufmerksamkeit und keinerlei Kommentar, so ein widerlicher Affe! Wieso wird der überhaupt zu Talkrunden eingeladen? Für die Quote. Du hast Dir den Film "Er ist wieder da" echt angetan? Mir hat eigentlich das Hörbuch gereicht und ich habe die Befürchtung, dass der Inhalt von eben jenen Spinnern bewusst umgedeutet wird. Mir hat das Hörbuch, trotz genialem Sprecher, nicht gefallen. Die subtile Ironie hinter der Satire (die für mich keine ist), kommt bei der Masse gar nicht an und wird missverstanden - entweder absichtlich oder weil man es nicht besser kann. Hach ja, ein Thema, über das man endlos diskutieren könnte. Luft machen befreit. Hilft nicht unbedingt, aber tut gut. :)
    Weiter so! Liebe Grüße, Claudia

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  2. Hallo Claudia,
    verdient hat er die Aufmerksamkeit gewiss nicht, aber er hat sie und zieht leider sehr viel Aufmerksamkeit / Anhänger auf sich. Ich war schon oft Zeuge von Gesprächen "besorgter Bürger", die nicht mehr als dummes Geschwätz abgetan werden können. Das Buch "Er ist wieder da" las ich noch relaxt, das Hörbuch fand ich noch ok, der Film macht allerdings die falschen Leute mobil. Das Kino war voll und wenige machten den Eindruck, als hätten sie verstanden, was Timur Vermes eigentlich sagen will.

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