Freitag, 13. Januar 2017

2016 – ein Jahresrückblick

Januar

Die Silvesternacht von Köln zum Jahreswechsel 2015/16 versetzt ganz Deutschland in einen Schockzustand: Sexuelle Übergriffe durch überwiegend nordafrikanische Kriminelle heizt die Flüchtlingsdebatte erneut an und spielt vor allem den Rechtspopulisten in die Karten. Die Willkommenskultur wird wieder einmal infrage gestellt und die Überlegung, wie man mit kriminellen Flüchtlingen umgehen soll, ebenfalls. Die schlecht aufgestellte Polizei und die insgesamt marode Personalstruktur der Behörden werden ebenfalls zum Gegenstand der gesellschaftlichen Diskussion – was muss, was kann und was soll ein Staat leisten, um seine Bürger zu schützen? Brauchen wir mehr Sicherheit, mehr Überwachung oder einfach nur weniger Flüchtlinge? Zurück bleibt Ratlosigkeit und der Wille, es in Zukunft besser zu machen.

Februar

In Bad Aibling sterben zwölf Menschen bei einem Zugunglück, weil der verantwortliche Fahrdienstleiter in der Dienstzeit mit seinem Handy beschäftigt war. Menschliches Versagen als Grund für tote Menschen – und die Frage, wieso ein Sicherheitssystem von einer einzigen Person außer Kraft gesetzt werden kann. 

März

Die rechtspopulistische AfD kann bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 24,2 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Damit ziehen die Wut- und Besorgtbürger in die Landesregierung ein – und sorgen im Rest der Republik für Angst im Hinblick auf die nächste Bundestagswahl. Die innerparteilichen Querelen und das offen lückenhafte Parteiprogramm ist auch für diejenigen kein Hindernis, die die AfD außen vorlässt – laut Umfragen sind unter den AfD-Wählern überdurchschnittlich viele Rentner: Ausgerechnet hier haben die Rechtspopulisten aber gar kein Konzept für den Fall, dass sie bei einer Wahl die Regierung mitgestalten.
In Brüssel sorgt der Islamische Staat IS mit einem Terroranschlag für über 30 Tote und viele Verletzte. Der Haupttäter ist europäischer Muslim – und das Netzwerk um ihn herum ist ebenfalls europäisch geprägt. Viele fragen sich, ob Integration überhaupt möglich ist und – falls ja: Wie? 
Der Terror wird auch jetzt wieder genutzt, um linken und rechten Agitatoren eine Bühne zu bieten – und wie so oft vorher sind es gerade die Plattformen wie Twitter, Instagram und Facebook, die sich in ihrer Abartigkeit und ihrer Hetze gegenseitig überbieten. Dass dabei die Toten und die Tragödien dahinter in der Nichtbeachtung untergehen, ist vielen egal – solange sie den eigenen Zwecken dienen, ist alles erlaubt.
Last, but not least: Das Erdogan-Gedicht wird veröffentlicht. Und der Chef vom Bosporus tobt.

Juni

Good bye Britain – der Brexit beschließt den Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Ob damit jetzt der Weg in die Bedeutungslosigkeit und Isolation droht, kann niemand so genau sagen. Sicher ist aber: Auch hier ist die Entscheidung eines ganzen Volkes nicht immer zum Wohl des Landes. Denkzettel-Abstimmer zeigen deutlich, dass Volksbefragungen oft nicht zielführend sind. Wie sonst lässt sich rechtfertigen, dass in einer so wichtigen Frage die Stimme eines Wirtschaftskriminellen genauso viel zählt wie die eines Wirtschaftsexperten?
Das Problem nach der ganzen Aufregung: Weder Nigel Farage noch Boris Johnson können ihren Anhängern erklären, wie der Brexit denn nun überhaupt bewerkstelligt werden soll – es wird nicht das erste und nicht das letzte Mal gewesen sein, dass rechtspopulistische Wähler am Ende gar nicht das bekommen, was ihnen versprochen wurde. 

Juli

Der nächste IS-Terror in Europa: In Nizza rast ein LKW in eine mit Menschen gefüllte Strandpromenade. Täter auch hier ein europäischer Muslim – mit tunesischen Wurzeln. Erneut ein Anschlag im Zeitalter der politischen Terrorakte und wieder wenden sich besorgte Bürger gegen das Establishment. Dass das schon beim Brexit schiefgegangen ist, ist für die meisten eine gedankliche Transferleistung, die sie nicht erbringen wollen oder können. Daher verwundert es wenig, wenn dann auch in Frankreich eine Marine Le Pen Zulauf bekommt. 
Die Attentäter rechtfertigen ihren Terror wie überall auf der Welt mit religiösem Geschwätz. Inwieweit das glaubwürdig ist, entzieht sich einer genauen Betrachtung: Niemand der toten Attentäter kann dazu je befragt werden, weder in Belgien, noch in Frankreich – und auch nicht später in München und Berlin.
In der Türkei versucht das Militär, gegen Präsident Erdogan zu putschen. Nicht der erste Putschversuch in der Türkei – aber sicher einer der blutigsten Versuche. Zahlreiche Tote und im Nachspiel große Umbauten im Verwaltungsapparat sind die direkte Folge – der Ausbau der demokratischen Türkei zu einer präsidialen Diktatur in den Monaten danach die indirekte Folge. 
Kaum war der Schrecken in der Türkei vergessen, gab es in München einen Amoklauf eines 18-jährigen Deutsch-Iraners. Die Waffe aus dem Darknet, ein Hass auf die Gesellschaft insgesamt und ein Leben ohne Teilhabe an Erfolg und Wohlstand sind die Zutaten, die Ali David Sonboly zum Mörder werden lassen. 

November

Es hatte sich lange angedeutet, doch so richtig glauben wollte es niemand: Donald Trump wird zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt und löst damit Barrack Obama ab. Niemand weiß genau, was der politisch unerfahrene Trump in den nächsten Jahren weltpolitisch auf die Beine stellen wird – aber eins ist sicher: Schlimmer als unter Obama kann es fast nicht werden. 
Allen romantischen Verklärungen zum Trotz sprechen die Fakten gegen „yes, we can“-Barrack. Schließlich hat er als einziger Präsident der US-Geschichte über zwei Amtszeiten Kriege geführt und dafür gesorgt, dass im Nahen Osten der Boden brennt: Afghanistan und Libyen kaputt, Irak und Syrien am Boden und im Jemen droht der nächste Krieg. Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen, die NSA-Geschichte fiel weitgehend unter den Tisch und mehr Menschen als je zuvor wurden in den USA durch private Handfeuerwaffen getötet. 

Dezember

Der IS-Terror hat Deutschland erreicht: Ähnlich wie in Nizza steuert ein LKW in eine Menschenmenge. Dass es diesmal ein Weihnachtsmarkt anstelle einer Strandpromenade war, mag an der Jahreszeit liegen. Allen anfänglichen Ermittlungspannen zum Trotz – der Täter Anis A. wird wenig später in Italien gestellt, im Rahmen der Festnahme aber erschossen. Auch hier ist keine Befragung zu Motiven, Hintermännern und Finanzierungen des Terrors möglich – das ist aber auch irrelevant, denn gebetsmühlenartig wird hier wieder die gleiche Diskussionsspirale um Integration, Flüchtlinge, den Islam insgesamt und das Versagen von Angela Merkel losgetreten. 
Immerhin: Die Silvesterübergriffe von Köln wiederholen sich dank organisierter Polizeipräsenz nicht. Da kann das Jahr 2017 eigentlich nur besser werden. 

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Wie Anis A. den Populisten in die Hände spielt.


3 Tage sind nach dem schrecklichen Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vergangen – und als wäre das Ganze nicht schon schrecklich genug, wird die Tragödie von unterschiedlichen politischen Gruppen genutzt, um die eigenen Argumente zu untermauern. 
Klar – es ist 2016, nächstes Jahr ist Bundestagswahl. Doch darf man so ein Ereignis mit Toten und Verletzten zum Anlass nehmen, um es egoistisch auszuschlachten? Kann man nicht einfach geschlossen „NEIN!“ sagen zu Gewalt inmitten unserer zivilisierten Gesellschaft – und zwar unabhängig davon, wo man sich selbst politisch zu Hause fühlt?


Deutschland im Dezember 2016 – ein Statusbericht:


Alternative für Deutschland (AfD)

Schon recht schnell nach dem Attentat war die AfD mit einer Meinung zur Stelle und wie so oft war man hier wenig um Diplomatie bemüht: Angela Merkel ist schuld (so Dr. Maximilian Krah, ehemaliger CDU-Parteikollege) und auch Frauke Petry sprang in die gleiche Spur und äußerte sich auf Facebook ebenso herablassend. Der sarkastische Hashtag #DankeMerkel wurde so nicht nur durch die AfD genutzt, sondern auch von anderen Besorgt- und Wutbürgern im rechten Spektrum.

Unterstützung bekam die AfD – na klar, vor allem von ihren Anhängern. Schon gleich im Anschluss twitterte Marcus Pretzell, seines Zeichen AfD-Ortsgruppenleiter in NRW „Es sind Merkels Tote!“. Aber auch im Ausland standen die AfD-Sympathisanten schon parat, um zumindest über Twitter und Facebook ihre Solidarität mit den Merkel-Kritikern kundzutun. Da war dann die Prominenz der rechten Flügel Europas zu vernehmen – von Nigel Farage über Geert Wilders bis hin zu den Damen aus dem Hause Le Pen. Alle waren sich einig: Die Bundeskanzlerin ist schuld, oder eben einfach #DankeMerkel

Wenn man ganz genau hinhörte, konnte man fast die Champagnerkorken knallen hören. Als der zunächst verhörte Pakistani unschuldig freigelassen werden musste, machte sich in den sozialen Medien auch ziemlich schnell Katerstimmung breit. Tröstlich war dann nur, dass der eine Flüchtling zeitnah gegen einen anderen ersetzt wurde – denn der hatte zum Glück seine Papiere zurückgelassen. Jetzt gab es mit dem Tunesier Anis A. immerhin einen richtigen Kriminellen – nicht nur Ausländer, sondern dazu noch kriminell und Islamist: der Inbegriff des Abartigen für die meisten Besorgtbürger.


Christlich-demokratische Union (CDU)

Auch in der CDU waren in der Sache besorgniserregende Äußerungen zu vernehmen. So sagte der Innenminister des Saarlands, Klaus Bouillon, am Vormittag nach dem Terroranschlag: „Wir sind im Kriegszustand.“ – und der allzeit präsente Wolfgang Bosbach forderte zum wiederholten Male einfach mal mehr Sicherheit. Es stellt sich die Frage, wem angesichts der Ausrufung eines angeblichen Kriegszustandes eigentlich nicht angst und bange wird – und was solche Ängste konkret auslösen.

Die Folgen des „Besorgtbürgertums“ konnte man übrigens im Zusammenhang mit den Berliner Ereignissen beobachten – ein einzelner Zeuge (!) hatte hier einen mutmaßlichen Täter zu Fuß verfolgt und währenddessen zur Polizei mit dem Handy Kontakt gehalten. Nachher stellte sich nicht nur die Unschuld des Verfolgten heraus, sondern es war zudem auch unklar, warum der Verfolger den vermeintlichen Amokfahrer überhaupt im Visier gehabt hatte. Dass genau solche Aktionen gegen das Tätigwerden von Bürgerwehren und gegen private Fahndungsaufrufe sprechen, liegt wohl auf der Hand. Wahrscheinlich passte der Pakistani einfach zu gut – und die Ausweispapiere des tunesischen Islamisten Anis A. lagen zu diesem Zeitpunkt zwar schon im LKW, wurden aber erst am Tag darauf gefunden.


Politische Rattenfänger

Erstaunlich war bei allen genannten Äußerungen, dass schon Forderungen aufgestellt wurden, bevor überhaupt Täter und Hintergrund durch die Polizei ermittelt waren. Ohne Frage – zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen lassen sich immer ergreifen, aber sonst? Dass besonders rechtsgerichtete Populisten eine derartige Tragödie nutzen, um ihre Fühler nach potenziellen Wählern auszustrecken, ist menschlich und auch politisch fragwürdig und unangebracht.

Mal ehrlich – wollen wir unsere Gesellschaft wirklich so verändern, dass verwirrte Amokläufer keine Ziele mehr finden können?

Wollen wir Weihnachtsmärkte und Veranstaltungen, die von Polizisten mit Maschinenpistolen gesichert werden?

Wollen wir ein Land wie Frankreich, wo Sicherheitskräfte martialisch und unentspannt auftreten – und zwar bei jeder Gelegenheit?

Und vor allem: Wollen wir wirklich Populisten, die jede Tragödie eiskalt ausnutzen?

Frau Merkel und den etablierten Parteien wird tagtäglich vorgeworfen, an Profil zu verlieren – stellt sich die Frage, ob politisches Profil nicht auch eine Grenze hat. Zumindest scheint die da erreicht zu sein, wo bei Katastrophen fühlbare Freude darüber aufkommt, dass ein möglicher Täter so gut in die Zielgruppe der eigenen Ablehnung passt. 

Mittwoch, 9. November 2016

And the winner is … Donald Trump oder: New World Order

Entgegen der bis zuletzt veröffentlichten Umfragewerte und Voraussagen von Demoskopen ist in dieser Nacht Donald J. Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden – und hat damit die Welt in einen Zustand zwischen aufgeregter Ungewissheit und offener Panik versetzt. Niemand weiß, was der diplomatisch völlig unerfahrene Trump von seinen Wahlversprechen wirklich umsetzen will – oder umsetzen kann.
Die Liste seiner medial laut verkündeten Vorhaben im Falle einer Präsidentschaft ist lang, aber auch erschreckend: Da wurde eine Mauer zu Mexiko angeführt und die Immigranten aus den südamerikanischen Ländern pauschal als Verbrecher abgeurteilt, wissenschaftliche Erkenntnisse offen geleugnet (Stichwort Klimawandel); daneben versprach der Präsidentschaftsanwärter eine Abnahme der Sozialpolitik. Die unter Präsident Obama eingeführte Krankenversicherung für alle („Obamacare“) soll ebenfalls abgeschafft werden, das Recht auf Abtreibung und die Homo-Ehe – eine Errungenschaft, die der Supreme Court bereits 2015 für legal erklärt hat [1]  – sollen ebenfalls ad acta gelegt werden. 

Faktisch ist damit ein offen fremdenfeindlicher und rassistischer, sexistischer, protektionistischer und durch und durch kapitalistisch geprägter Immobilienmogul zum Präsident der „Leading Nation“ geworden, die – ganz nebenbei bemerkt – die größte Militärmacht weltweit darstellt. Ach – da war ja auch noch was. Richtig: Trump hatte im Wahlkampf nämlich auch klargestellt, dass er den nuklearen Waffeneinsatz auch auf europäischem Boden nicht ausschließt [2].  

Außenpolitisch hat Trump bis zum Wahlabend auf ein erkennbares und durchschaubares Programm verzichtet – und im Gegenzug verstärkt auf die Innenpolitik gesetzt. Umfragen zufolge haben besonders weiße Männer mit unterdurchschnittlicher Bildung für Trump gestimmt: Damit hat sich der sogenannte „White Trash“ genau an den Leuten gerächt, die er für verantwortlich für die eigene Hoffnungslosigkeit hält. Am Politikklüngel, „denen da oben“ und vor allem: An den Reichen, den Machern, den Teilhabenden und denen, die den amerikanischen Traum Tag für Tag leben. Und genau hier zeigt sich die Kluft zwischen Realität und Wahrnehmung, denn auch Trump gehört eigentlich zum angeblich verhassten Establishment – allerdings als Drahtzieher und weniger als die von ihm oft kritisierten Politik-Marionetten. 

Nun zeigt er sich in der Rolle des Retters in der Not und verspricht vor allem den gebeutelten Stahlarbeitern und den sozial Abgehängten ein besseres Leben. Wie das gehen soll – besonders angesichts der maroden Wirtschaft und der Tatsache, dass auch ein republikanisch besetzter Senat ganz und gar nicht einheitlich hinter einem Präsidenten Trump steht – lässt er offen. 
Und so werden wir uns in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder fragen, ob Schlüsselpositionen nun von Models und willigen Schönheiten besetzt werden und ob die Jahre bis zur nächsten Wahl einfach nur verlorene Zeit sind. Der gesellschaftliche Wandel, auf den die Vereinigten Staaten so dringend angewiesen sind, wird zumindest unter einem Präsidenten Trump auf sich warten lassen. Dafür fehlt der Wille, alle miteinzubeziehen und dafür ist die Tendenz zur Ausgrenzung von Frauen, Migranten und allen, die sonst nicht in das Trump’sche Weltbild passen, einfach zu groß.

Kurz gefasst: Ein schwarzer Tag für die Wirtschaft, für die Umwelt, die Klimaverträge, die hart erkämpfte Gesundheitsreform und für alle die, die auf gesellschaftlich wichtige Impulse in den USA gehofft hatten. Die werden wohl auch noch weiter auf sich warten lassen … 



Montag, 31. Oktober 2016

Erbärmlichkeit statt Erbarmen

Ich habe diese Meldung wieder und wieder gelesen. Und doch lässt sie mich fassungslos zurück. Ein alter Mann bricht im Vorraum einer Bank zusammen. Vier Menschen betreten nach ihm diesen Raum, erledigen, was zu erledigen ist. Und gehen. Erst der fünfte Mensch ruft den Rettungswagen. Zu spät. Der Mann stirbt im Krankenhaus.

Fünf Menschen. Nur einer hilft. 



Sind wir eine Gesellschaft der „Hilflosen“ geworden? 

Eine Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selber hilft, einem anderen aber Hilfe verweigert? 

Bis hin zum Tod? 

Zeigen Menschen so wenig Erbarmen, dass sie tatsächlich so erbärmlich sein können – ohne Blick für den anderen, ohne Zuwendung, ohne Beziehung zu dem, was sie umgibt?

Anders kann ich es mir nicht erklären. Und ich stelle mir die Frage: 
Wie beziehungslos muss jemand sein, um achtlos über einen anderen hinwegzusehen? 

Sich selbst geschäftig haltend, um nicht mit dem anderen beschäftigt zu sein? 
Wie wenig muss dieser Mensch in Beziehung zu sich selber stehen, zu anderen, zu der Welt um ihn herum, um so achtlos die Hilflosigkeit eines Menschen zu ignorieren? 

Wir leben in einer Welt, in der augenscheinlich einige Menschen sich selbst das Heiligste sind. Das eigene steht ihnen näher, als das soziale Bedürfnis eines Kollektivs, wie beispielsweise die Grundsätze des Miteinanders einer lebendigen Gesellschaft. Sie halten das eigene hoch, das der anderen wird untergeordnet. Sie sind zu Egoisten geworden. Im schlechtesten Sinne. Für das eigene, wird das Leiden des anderen in Kauf genommen. Es wird gezeigt auf andere, weil die es doch auch so machen, gewettert auf Länder, die Menschenrechte verletzen, jene verurteilt, die die Todesstrafe in einem ach so wunderschönen Urlaubsland der Deutschen wieder einführen wollen. Es wird weit weg in die Abgründe der anderen und dieser Welt geschaut, um nicht sich selber anzuschauen. Und vor den eigenen Füßen, auf dem Boden liegend stirbt ein Mann. Und statt sich zu erbarmen, werden diese Menschen einfach nur erbärmlich. 


Hinweis:
Dieser Text wurde von der  Journalistin Christina Schäfer verfasst.

Samstag, 15. Oktober 2016

Hat die Kirche aus ihren Fehlern gelernt?

Missbrauchsfall im Bistum Hildesheim hat Konsequenzen

Im Dezember 2015 habe ich im Artikel Alles halb so schlimm? Über die Arbeit von Kirchengerichten auch über den Fall eines jungen Mädchens geschrieben, das bereits 2006 im Alter von elf Jahren von einem Pastor missbraucht worden war. Als sie dies vier Jahre später gegenüber dem Bistum Hildesheim berichtete, wurden jahrelang weder die erziehungsberechtigten Großeltern noch die staatlichen Behörden informiert. Gegen den Pfarrer wurde nach einer kurzen Befragung ein Strafgeld verhängt, ansonsten blieb er zunächst unbehelligt. Das änderte sich erst 2015, als ein Fernsehteam der ARD sich wegen dieses Vorfalls mit den Erziehungsberechtigten des jungen Mädchens in Verbindung setzte und sie über den Sachverhalt informierte. Nun hatten diese endlich eine Erklärung dafür, warum sich ihre Enkelin auffällig verhielt und sich selbst verletzte.
Doch wie ging es danach weiter?

Das Bistum Hildesheim setzt auf die Einhaltung von Vorgaben

 

Seit dem 1. Januar 2015 ist die Ordnung zur Prävention von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen im Bistum Hildesheim (PrävO) in Kraft. In ihr geht es im Wesentlichen um die Überprüfung von neu eingestelltem oder bereits vorhandenem Personal mittels eines amtlichen Führungszeugnisses, eine Selbstverpflichtung zum Kinder- und Jugendschutz von haupt- und ehrenamtlich Tätigen, der Einrichtung und Bekanntmachung von inner- und außerkirchlichen Beratungs- und Beschwerdemöglichkeiten und um die Durchführung von Fortbildungen zum Thema Prävention.
In § 4 PrävO wird allerdings festgehalten, welche Taten nach dem Codex Iuris Canonici (CIC) und bei einer Verurteilung nach dem Strafgesetzbuch (StGB) dazu führen, nicht mehr mit einer Leitungs- oder Aufsichtsaufgabe in Zusammenhang mit Minderjährigen oder schutzbedürftigen Erwachsenen beauftragt zu werden. Im StGB geht es dabei um die Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, alle Paragraphen zum sexuellen Missbrauch, Prostitution und Zuhälterei, Misshandlung von Schutzbefohlenen sowie Straftaten, die sich gegen die persönliche Freiheit richten. Auffällig ist dabei, dass es bei denen im StGB aufgeführten Handlungen erst dann zu einer Entfernung der Betroffenen aus dem entsprechenden Aufgabenbereich kommen muss, wenn ein Gerichtsurteil vorliegt. Auffällig ist auch, dass sich in der PrävO nirgendwo ein Hinweis darauf findet, wann bekannt gewordene Missbrauchsfälle der Staatsanwaltschaft zuzuleiten sind. Wird es also dabei bleiben, dass solche Vergehen erst dann der weltlichen Gerichtsbarkeit übergeben werden, wenn der Druck von Erziehungsberechtigten oder den Medien zu groß wird?

Externes Institut soll es nun richten

Der langjährige und bereits 1988 verstorbene Bischof Heinrich Maria Janssen soll zu Beginn seiner Bischofszeit vor über 50 Jahren ebenfalls einen Jungen missbraucht haben. Dies wurde allerdings erst 2015 bekannt. Die Aussagen des Opfers hielt die katholische Kirche für plausibel genug, um ihm auf Anweisung der Deutschen Bischofskonferenz 10.000 Euro zu zahlen. Diesen und den Fall des jungen Mädchens soll nun das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) aus München näher untersuchen. Das IPP ist mit dieser Thematik bereits vertraut: Es wurde auch mit der Untersuchung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und dem Kloster Ettal beauftragt. Doch der Auftrag des IPP geht noch darüber hinaus: Es soll außerdem herausfinden, ob die Beschuldigten noch weitere Missbrauchsfälle zu verantworten haben und es noch mehr Opfer gibt, die dem Bistum noch nicht bekannt sind. Das Präventonskonzept soll ebenfalls eingehend durch das Institut durchleuchtet werden. Ergebnisse sind Mitte 2017 zu erwarten.

Im Fall des jungen Mädchens gab es übrigens nach der Veröffentlichung meines Artikels Neuigkeiten: Das Bistum erkannte die Leiden der heute 20-Jährigen an und zahlte ihr einen vierstelligen Betrag als deren Anerkennung. Außerdem bot es ihr psychologische Hilfe an, um das Erlebte zu bewältigen.
Fast gleichzeitig wurde bekannt, dass auch die heute 39-jährige Mutter der jungen Frau bereits 1993 vom selben Pastor sexuell bedrängt worden ist. Man kann nur hoffen, dass das Bistum aus seinen Fehlern, die es in der Vergangenheit gemacht hat, gelernt hat.



Freitag, 19. August 2016

Der Computer und das Internet: Krankmacher und Zankapfel

Kinder, die unruhig durch den Haushalt streifen, weil der Computer kaputt ist oder das Internet gerade nicht funktioniert: Studien zeigen, dass solche Situationen bei Weitem keine Seltenheit in deutschen Haushalten sind. Computer- und Internetsucht sind realistische Suchtkrankheiten, deren Werdegang ganz ähnlich der klassischen Suchtkrankheiten verläuft. Erfahren Sie, woran Sie vor allem die Internetsucht erkennen können und wie Sie ihr begegnen sollten.

Der kleine Jörg ist gerade einmal 7 Jahre alt und es bereitet ihm ein riesiges Vergnügen, wenn er mit seinem Papa gemeinsam auf der alten Playstation spielen darf. 
Christine, Jörgs ältere Schwester (12 Jahre alt) hat derweil meistens Ärger mit ihrem Vater – aber nur, weil Christine quasi rund um die Uhr in WhatsApp zugange ist. 
Das älteste der 3 Geschwister, der 17jährige Noel, hat derweil unruhige Nächte voller Albträume: Er hat Angst, beim Abi zu versagen. Diese Angst, so weiß Noel selbst, kommt von seiner Vernachlässigung des Lernstoffs, weil er lieber nächtelang World of Warcraft gespielt hat.


Das Thema ist allgegenwärtig und drängend


Werden sich Christine und Jörg in ein paar Jahren vielleicht in einer ähnlichen Lage wiederfinden, wie sie derzeit Noel durchlebt? Oder wird es gar noch schlimmer für sie werden? Grundsätzlich stellt sich in diesem Themengebiet immer die Frage, ob prinzipiell jedes 3jährige Kind, das sich beim Spielen am Smartphone belustigt, zwingend als als sozial isolierter, durch Energydrinks und Chips aufgeschwemmter Schulversager ändern wird. Ob es soweit kommt, hängt natürlich von mehr Faktoren ab als nur davon, ob ein Kind an einem Handy herumspielen darf oder nicht. Kinder, deren Elternhaus als stabil und gut betrachtet werden kann, vermindern das Risiko einer Suchtentwicklung. Dasselbe gilt für Lehrer und nicht zuletzt auch für die Freunde, mit denen das Kind sich beschäftigt.

Es ist Fakt, dass sich mittlerweile in beinahe jedem Elternhaus Deutschlands ein Computer befindet – und in der Regel führt das auch zu einem vorhandenen Internetanschluss. Dabei leben die „Großen“ es den „Kleinen“ durchaus vor: Informationen werden mal eben per Google recherchiert, eingekauft wird im Online-Store und mit Freunden quatscht man häufig per Skype oder WhatsApp. Erstaunlicherweise ist der Nachwuchs den Eltern häufig technisch weit voraus. Auch können die meisten Eltern überhaupt nicht nachvollziehen, wie und warum gerade Onlinespiele Kinder derart in ihren Bann ziehen können, weil sie es selbst nicht so erlebt haben. Die Frage nach einem deutlich intelligenteren Umgang mit den digitalen Medien stellt sich spätestens, seit man in immer mehr Schulrucksäcken auch das heiß geliebte Smartphone des Nachwuchses finden kann.


So ist die derzeitige Situation in Deutschland


Gut 20 Prozent, also jedes 5. Kind in Deutschland, welches Zugang zu Computer und Internetdiensten hat, soll laut einer Studie der DAK bereits nervös, ja sogar gereizt reagieren, wenn der Zugang zum Internet eingeschränkt werden soll. Der gleichen Studie folgend bleiben gut die Hälfte aller Kinder zwischen 12 und 17 länger im Netz, als sie sich selbst vornahmen. 11 Prozent der betroffenen Kinder haben laut eigener Aussagen bereits selbst erfolglos versucht, Art und Dauer ihrer Internetnutzung in den Griff zu bekommen. Laut einer Statistik erkunden Kinder heute bereits im Alter von 12 das WWW vollkommen unkontrolliert und damit selbstverantwortlich. Dabei ist anzumerken, dass in diesen Fällen solche Erkundungstouren gerne ausgiebig und dementsprechend lange ausfallen. Die befragten Eltern der Studie gaben an, dass ihre Kinder unter der Woche rund 2,5 Stunden, am Wochenende deutlich über 4 Stunden täglich im Internet verbringen. Erstaunlich ist auch, dass bei gut 50 Prozent aller befragten Familien keinerlei Regelungen bzgl. der Onlinezeiten für das Kind vorhanden sind. Wenn entsprechende Regelungen vorhanden sind, werden diese häufig nicht oder nur in Teilen wirklich beachtet.


Was sind die Indikatoren für Sucht?


Die Befragung im Zuge der Studie hat offengelegt, dass auch in deutschen Kinderzimmern bereits deutliche Suchtgefährdung Einzug gehalten hat. Anhand der Daten kann abgelesen werden, dass rund 5 Prozent der Kinder in Deutschland unter den Folgen krankhafter Internetnutzung zu leiden haben. Dennoch ist es durchaus legitim, Kindern und Jugendlichen ihren zeitweiligen Spaß an Spielkonsolen und Computern zu gönnen. Wenn man als Elternteil zu sehr als Spaßbremse wirkt, erzeugt das ein gegenläufiges Trotzverhalten. Als Problem kann die Internetnutzung erst dann deklariert werden, wenn sie exzessiv und damit außerhalb der Kontrolle des Nutzers geschieht. Wenn der Gang zum Computer zum offensichtlichen Zwang wird und die Nutzung dieser Inhalte das reale, soziale Leben beiseite drängt, kann man von einer ausgewachsenen Sucht sprechen. Gesellschaftlich gefährlich wird die Sucht dann, wenn beispielsweise eine begonnene Ausbildung abgebrochen werden soll, Sport und Freunde deutlich zu kurz kommen und daraus eine verminderte Selbstachtung entsteht.



Die Checkliste zur Erkennung von Internetsucht


Anhand dieser Checkliste können Sie überprüfen, ob Sie und/oder Freunde/Bekannte/Verwandte möglicherweise bereits suchtgefährdet sind. Ist einer oder mehrere der nachfolgenden Punkte zutreffend, sollten Sie unbedingt die Nutzung stark einschränken, für eine Weile ganz verzichten und/oder sich professionelle Hilfe suchen. Eine Möglichkeit bietet ihnen der Förderverein „Keine Macht den Drogen“, wo Ihnen garantiert weitergeholfen werden kann.

  • Es besteht ein überdeutlicher, starker Wunsch, den jeweils individuell interessanten Tätigkeiten im Internet nachzugehen (z. B. Spiele und/oder Messengerdienste), obwohl man gerade mit gänzlich anderen Aufgaben beschäftigt ist.
  • Wenn Beginn und Dauer der jeweiligen Computer- oder Onlinesitzung nur noch vage oder überhaupt nicht mehr kontrolliert werden können.
  • Wenn der von außen aufgezwungene Verzicht auf Computer und Internet (z. B. Stromausfall, Arbeit etc.) Entzugserscheinungen wie Aggressivität, Unruhe, Schlafstörungen und allgemeine schlechte Laune erzeugt.
  • Wenn Aktivitäten am Computer und im Internet anfangen, reale Aktivitäten wie Sportverein, Freunde etc. abzulösen.
  • Wenn trotz der offenkundig negativen Folgen exzessiver Computer- und Internetnutzung (Vereinsamung, Schulprobleme, Schulden etc.) die Nutzung nicht eingeschränkt wird.